Verstärkungselement¶
Ein Verstärkungselement ist meist eine lange Schraube, die nicht zwei Hölzer verbindet, sondern in ein einzelnes Holz eingedreht wird, um es an einer gefährdeten Stelle gegen Aufreissen oder Quetschen zu kräftigen.
Prosa-Definition¶
Ein Verstärkungselement ist ein Element der App-Ontologie, das physisch ein Verbindungsmittel ist (typisch eine Vollgewindeschraube, seltener eine eingeklebte Gewindestange), das jedoch nicht primär einen Anschluss zwischen Bauteilen herstellt, sondern in einer Verstärkungsfunktion (Querzug-, Querdruck- oder Schubverstärkung) ein einzelnes Bauteil verstärkt, und dessen Bemessung als axial beanspruchtes Tragglied auf Herausziehen, Hineindrücken, Stabknicken sowie auf Materialfestigkeit nach europäischer technischer Bewertung (ETA) bzw. nach dem Verstärkungsabschnitt der Neuausgabe von DIN EN 1995-1-1 (EC5:2022) erfolgt.
Mathematische Definition¶
Sei
-
𝓔 die Menge der Elemente nach
element, -
𝓤 der UUID-Raum nach
uuid, -
𝓥𝓜 die Menge der Verbindungsmittel nach
verbindungsmittel, -
𝓑 die Menge der Bauteile nach
bauteil, -
𝓥𝓢_τ die Menge der Verstärkungstypen
𝓥𝓢_τ:= { Querzugverstaerkung, Querdruckverstaerkung, Schubverstaerkung, Auflagerverstaerkung, AusklinkungsVerstaerkung, DurchbruchVerstaerkung }(sealed enum; eigene Folge-Einträge),
-
𝓦 die Menge der Werkstoffe (typisch Stahl der Schraube),
-
𝓔𝓣𝓐 die Menge der ETA-Referenzen (siehe
eta_referenz), -
A:= [0, 2π) die Menge der Winkel (intern Radiant; Anzeige Grad).
Dann ist ein Verstärkungselement das Tupel
VS:= (uuid, geometrie, lokale_platzierung, werkstoff,
basis_verbindungsmittel, verstaerkt,
verstaerkungstyp, winkel_zur_faser, eta_zulassung,
positionsnummer?, produktkennzeichnung?, bezeichnung?)
mit den von element ererbten Pflichtfeldern
- uuid ∈ 𝓤,
- geometrie ∈ 𝓖_VS ⊂ 𝓖 (1D-dominante Schrauben- bzw.
Stangen-Geometrie, identisch zur Verbindungsmittel-Geometrie
ihres
basis_verbindungsmittel), - lokale_platzierung ∈ SE(3),
- werkstoff ∈ 𝓦,
und den verstärkungselement-spezifischen Pflichtfeldern
- basis_verbindungsmittel ∈ 𝓥𝓜_spec: Verweis auf die zugrunde liegende Verbindungsmittel-Spezifikation (Typ, Nenndurchmesser, Nennlänge). Realisierungsoption A: UUID eines explizit angelegten Verbindungsmittel-Objekts. Realisierungsoption B: eingebettetes Spezifikations-Tupel (typ, d, ℓ, eta) ohne eigene UUID. Im App-Datenmodell wird Option B bevorzugt, weil ein Verstärkungselement kein Verbindungsmittel ist, sondern es nur seine Spezifikation ausleiht; die UUID des physischen Stücks ist die UUID des Verstärkungselements.
- verstaerkt ∈ 𝓤: UUID des einen Bauteils, das verstärkt wird. Anders als ein Verbindungsmittel, das ≥ 2 Bauteile verbindet, wirkt ein Verstärkungselement auf genau ein Bauteil.
- verstaerkungstyp ∈ 𝓥𝓢_τ,
- winkel_zur_faser φ ∈ A: der Winkel zwischen der Schrauben- achse und der Faserrichtung des verstärkten Bauteils im Punkt des Eindrehens (typisch φ = π/2 für klassische Querzug-/ Querdruckverstärkung, φ = π/4 für geneigt eingedrehte Schubverstärkung); zentral für die Bemessung,
- eta_zulassung ∈ 𝓔𝓣𝓐: Pflicht, weil Verstärkungselemente nahezu ausschließlich ETA-zugelassene Vollgewindeschrauben sind (ETA-11/0190, Z-9.1-519, Z-9.1-235, ETA-12/0373).
Es ist 𝓥𝓢 ⊂ 𝓔, d. h. die Menge der Verstärkungselemente ist eine disjunkte Teilmenge der Element-Menge.
Wohldefiniertheit¶
- Existenz: Für jedes konkrete in einem Bauteil eingedrehte Verstärkungselement lässt sich das obige Tupel erfassen. Mindestkonfiguration: basis = Würth ASSY 8 × 200 mit ETA-11/0190, verstaerkt = UUID eines BSH-Trägers, verstaerkungstyp = Querzugverstaerkung, winkel_zur_faser = π/2.
- Eindeutigkeit der Identität: über
uuid(geerbt vonelement). Das Verstärkungselement hat eine eigene UUID, unabhängig von der UUID eines etwaigen homonymen Verbindungsmittels. - Disjunktheit zu Verbindungsmittel: 𝓥𝓢 ∩ 𝓥𝓜 = ∅ — auch wenn dieselbe physische Schraube in einem alternativen Einbau-Szenario als Verbindungsmittel klassifiziert würde, ist die konkrete Instanz im konkreten Modell entweder Verbindungsmittel oder Verstärkungselement, niemals beides gleichzeitig.
- Verstärkt genau ein Bauteil: |verstaerkt| = 1. Das Verstärkungselement wirkt auf ein Bauteil. Erstreckt sich die Schraube über mehrere Bauteile (durchgehend von Bauteil A in Bauteil B), wird sie typischerweise als Verbindungsmittel klassifiziert (verbindet zwei Bauteile auf Abscheren oder Herausziehen), nicht als Verstärkungselement eines einzelnen.
- Winkel zur Faser: φ ist der Winkel zwischen der Schraubenachse
(entlang der
geometrie.achseprojiziert in W) und der Faserrichtung des verstärkten Bauteils. Für faserlose oder richtungsisotrope Werkstoffe (Spanplatte, MDF) ist Verstärkungseinsatz untypisch und nicht im Glossar formal definiert; das Pflichtfeldwinkel_zur_faserist im Wertebereich [0, π/2] ⊂ A; größere Winkel werden durch Symmetrie reduziert. - ETA-Pflicht: Verstärkungselemente erfordern die ETA- Zulassung, weil sie ausschließlich auf Basis ETA-zertifizierter Hersteller-Spezifikationen bemessen werden. Eine Vollgewinde- schraube ohne ETA darf nicht als Verstärkungselement klassifiziert werden; sie wäre dann „Verbindungsmittel mit zweifelhafter Eignung".
- Foreign-Key-Regel:
verstaerktund (falls verwendet)basis_verbindungsmittelreferenzieren ausschließlich UUIDs. - Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
element,uuid,verbindungsmittel(ausschließlich für die Spezifikations-Übernahme),bauteil(für das verstärkte Bauteil),faserrichtung(für den Bemessungs-Winkel) undtoleranzen. Sie verweist nicht aufverbindungoderverstaerkungselementselbst.
Erläuterung (nicht normativ)¶
Werkstoff¶
Verstärkungselemente haben praktisch immer Werkstoff
werkstoff_stahl — sie sind nahezu ausschließlich
Vollgewindeschrauben mit ETA-Zulassung (Würth ASSY, SPAX, Reisser).
Die Stahlgüte ist typisch ein höherfester carbonierter Stahl mit
charakteristischem Zugwiderstand F_t,Rk nach ETA. Eingeklebte
Gewindestangen (Sonderfall) sind ebenfalls Stahl. Holz-/Hartholz-
Verstärkungen sind in dieser App nicht vorgesehen.
Ontologische Pointe¶
Dasselbe physische Objekt — eine ETA-11/0190-konforme Würth ASSY 8 × 200 — ist:
- Verbindungsmittel, wenn es eine Sparren-Pfetten-Verbindung
auf Abscheren herstellt. Bemessung nach Johansen (EC5 Kap. 8).
Datenmodell:
Verbindungsmittel-Instanz mitverbindet= [Sparren-UUID, Pfetten-UUID]. - Verstärkungselement, wenn es als ETA-konforme Querzug-
verstärkung in einem ausgeklinkten BSH-Träger eingesetzt wird.
Bemessung axial (Herausziehen, EC5:2022). Datenmodell:
Verstaerkungselement-Instanz mitverstaerkt= BSH-Träger-UUID.
Funktion bestimmt die Klasse, nicht das Material. Der gleiche Schraubentyp, der gleiche Werkstoff, die gleichen Maße — aber zwei verschiedene Element-Subklassen, weil die Bemessungs-Regimes unterschiedlich sind (Abschertheorie vs. axiale Theorie).
Bemessungs-Regime¶
Die Bemessung des Verstärkungselements gliedert sich in vier Tragfähigkeits-Nachweise (EC5:2022-Entwurf, ETA-11/0190, Z-9.1-519):
-
Herausziehen / Hineindrücken (axiale Tragfähigkeit F_ax,Rk): aus dem charakteristischen Ausziehparameter f_ax,k (ETA-Wert), Nenndurchmesser d, effektiver Eindrehlänge ℓ_ef und Faserwinkel-Korrektur. Formel typischerweise
F_ax,Rk = π · d · ℓ_ef · f_ax,k · (90° / α + 1)^(-1)bzw. analog nach ETA. Wert wird aus ETA übernommen.
-
Stabknicken der Schraube (bei längeren Verstärkungs- schrauben in Querdruckanwendung): nach Euler bzw. nach Knickkriterium der ETA, mit der Schraube als druck- beanspruchtem Stab in elastischer Bettung des umgebenden Holzes.
-
Materialfestigkeit der Schraube (Zug- oder Druck- spannung im Schaft): nach Stahl-Festigkeitsklasse der Schraube; ETA gibt charakteristischen Zugwiderstand F_t,Rk.
-
Mindestabstände (untereinander, zum Rand, zur Hirnholzfläche): nach ETA bzw. EC5:2022. Die Mindestabstände bei eng gesetzten Verstärkungsschrauben sind ein eigenes Forschungsfeld (Sigrist 2018).
Die App liefert die geometrische Eingabe (Achse, Winkel zur Faser, Eindrehlänge); die Bemessungs-Schicht (Folgearbeit) führt die Tragfähigkeits-Nachweise.
Anwendungsfälle¶
- Querzugverstärkung in ausgeklinkten BSH-Trägern, Durchbrüchen, gekrümmten Trägern, Satteldachträgern. Die Schraube wird quer zur Faser (φ ≈ π/2) eingedreht und überträgt die im Holz lokal entstehenden Zugspannungen quer zur Faserrichtung.
- Querdruckverstärkung unter konzentrierten Auflagern (Schwellendruck, Stützenfußauflager). Die Schraube nimmt einen Teil der Druckkraft als axiales Tragglied auf, das umgebende Holz wird entlastet.
- Schubverstärkung in Trägern mit erhöhter Schubbeanspruchung (Kerven, Anschlüsse). Die Schraube wird geneigt zur Faser (φ ≈ π/4) eingedreht und nimmt eine Komponente der schiefen Hauptzugspannung auf.
- Auflagerverstärkung an Pfetten- und Sparrenfüßen.
- Ausklinkungs- und Durchbruchverstärkung bei lokal geschwächten Trägerquerschnitten.
IFC- und BTLx-Mapping¶
| Element | IFC | BTLx |
|---|---|---|
| Verbindungsmittel | IfcMechanicalFastener | Processing oder eigenes Part |
| Verstärkungselement | IfcMechanicalFastener + Custom-Pset IsReinforcement |
wie VM, plus Funktionsattribut |
Die IFC-Klasse ist dieselbe wie für Verbindungsmittel
(IfcMechanicalFastener); die Verstärkungs-Funktion wird durch
ein eigenes Property Set bzw. eine Custom-Property unterschieden.
Hersteller-BIM-Bibliotheken (Würth ASSY, SPAX) liefern in der
Regel die ETA-Referenz mit; die App ergänzt die Funktions-
Annotation.
In BTLx erscheint das Verstärkungselement typisch als eigenes
Part mit GUID (analog zu langen Vollgewindeschrauben), weil es
in einer eigenen Stückliste mit ETA-Bezug geführt wird.
Stücklisten-Trennung¶
Verstärkungselemente führt die App in einer eigenen Stückliste, getrennt von Bauteilen, Verbindungsmitteln und Verbindern. Das ist in der Praxis sinnvoll, weil Verstärkungsschrauben mit ETA-Bezug nachweispflichtig sind und in der Statik separat aufgeführt werden müssen.
Beziehungen¶
- Oberbegriff:
element. - Spezialisierungen (eigene Einträge folgen):
- Querzugverstärkung (
querzugverstaerkung). - Querdruckverstärkung (
querdruckverstaerkung). - Schubverstärkung (
schubverstaerkung). - Auflagerverstärkung (
auflagerverstaerkung). - Ausklinkungsverstärkung (
ausklinkungsverstaerkung). - Durchbruchverstärkung (
durchbruchverstaerkung). - Bestandteile (partitiv): alles geerbt von
elementplus basis_verbindungsmittel, verstaerkt, verstaerkungstyp, winkel_zur_faser, eta_zulassung. - Verwendung:
- Bestandteil einer Verbindung (
verbindung): Verstärkungen werden in der Verbindungs-Aggregat-Klasse optional als eigene Liste geführt. - Bestandteil eines Tragwerks (
tragwerk): erweitert die Element-Menge. - Abgrenzung:
- Verbindungsmittel (
verbindungsmittel): selbe physische Objektklasse, andere Funktion und andere Bemessung. Die ontologische Trennung folgt EC5:2022 und der ETA- Bemessungspraxis. Funktion bestimmt die Klasse, nicht das Material. - Bauteil (
bauteil): Verstärkungselemente sind keine Bauteile (auch nicht „kleine Bauteile"); sie sind Element- Subklassen mit eigener Bemessungslogik. Die Trennung folgt EC5:2022. - Verbinder (
verbinder): vermittelndes Stück Stahl/Holz, nicht eine Funktionsrolle eines Verbindungsmittels. Verstärkungselement ist hingegen ein Verbindungsmittel- Objekt in funktionaler Verstärkungsrolle. - Verbindung (
verbindung): Aggregat-Klasse; Verstärkungselemente können Bestandteil einer Verbindung sein, sind aber nicht selbst Verbindung. - Element (
element): abstrakter Oberbegriff; Verstärkungselement ist eine konkrete Subklasse.
Quellen¶
Primär (normativ):
- DIN EN 1995-1-1:2010-12, „Eurocode 5 – Bemessung und Konstruktion von Holzbauten – Teil 1-1", Anhang/Verstärkungs- abschnitt.
- Entwurf prEN 1995-1-1:2024 (EC5-Neuausgabe, Vernehmlassung, Erscheinen ~2027), neuer Verstärkungsabschnitt.
- ETA-11/0190 (Würth ASSY).
- Z-9.1-519 (SPAX Vollgewindeschrauben, DIBt).
- Z-9.1-235 (SPAX, frühere Zulassung).
- ETA-12/0373 (Reisser).
- ISO 16739-1:2024, IFC-Entität
IfcMechanicalFastener.
Sekundär:
- Dietsch, P. (TUM): „Eurocode 5:2022 — Einführung in den neuen Abschnitt Verstärkungen". TUM, 2023.
- Müller, A.; Heubuch, M.: „Stabdübelverbindungen und eingeklebte Gewindestangen in Buchen-BSH". 25. IHF Innsbruck 2019.
- Sigrist, C.: „Verbindungsmittelabstände bei eng gesetzten Verstärkungs- und Verbindungsschrauben". SIA-Holzbautag Biel, 2018.
- Blass, H. J.; Sandhaas, C.: Ingenieurholzbau – Grundlagen der Bemessung. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2016.
- Bejtka, I.; Blass, H. J.: „Verstärkungen mit selbstbohrenden Holzschrauben". Konstruktiver Ingenieurbau, 2005.
- Holzbau-Handbuch, Reihe 2, Teil 1, Folgen zu Verstärkung, Informationsdienst Holz.
Korpus (nicht autoritativ):
- Würth, SPAX, Reisser: Hersteller-Bemessungssoftware (Eingabemasken decken die ETA-Bemessungspraxis ab).
- Holzbau Deutschland, Merkblatt „Begriffe und Klassifizierungen für den Holzbau" (abgerufen 2026-05-08).