Verbindungsmittel¶
Ein Verbindungsmittel ist ein einzelnes Befestigungsstück, das zwei Hölzer zusammenhält und die Kräfte überträgt — ein Nagel, eine Schraube, ein Bolzen oder eine Leimfuge.
Prosa-Definition¶
Ein Verbindungsmittel ist ein Element der App-Ontologie, das als einzelnes mechanisches oder geklebtes Tragstück Kräfte zwischen zwei oder mehr Bauteilen überträgt, das dazu eine eindimensional dominante Geometrie (Achse mit Anfangs- und Endpunkt sowie typabhängigem Querschnitt) und eine Typspezifikation (Nagel, Schraube, Bolzen, Stabdübel, Klammer, Klebung oder Dübel besonderer Bauart) besitzt und dessen Bemessung nach DIN EN 1995-1-1 Kapitel 8 erfolgt.
Mathematische Definition¶
Sei
-
𝓔 die Menge der Elemente nach
element, -
𝓤 der UUID-Raum nach
uuid, -
𝓑 die Menge der Bauteile nach
bauteil, -
𝓦_VM:= werkstoff_stahl ∪ axiales_holz ∪ {⊥_klebstoff} die Werkstoffmenge der Verbindungsmittel, formal referenziert auf die Werkstoff-Hierarchie (Stahl für stiftförmige und nicht-stiftförmige metallische Verbindungsmittel; axiales Holz für Holzdübel aus Hartholz; ⊥_klebstoff als Platzhalter für die noch zu definierende Klebstoff-Klasse nach EC5 Kap. 10, Folgearbeit). Aluminium- Verbindungsmittel werden konventionell der Stahl-Klasse zugeordnet, bis eine eigene Werkstoffklasse
werkstoff_aluminiumeingeführt wird (Folgearbeit), -
𝓥𝓜_τ die Menge der Verbindungsmittel-Typen
𝓥𝓜_τ:= { Nagel, Schraube, Bolzen, Stabduebel, Klammer, Holzduebel, NagelPlatte, DuebelBesondererBauart, Klebung }(sealed enum; eigene Folge-Einträge),
-
𝓛:= ℝ⁺ die Menge der zulässigen Längen in mm,
-
𝓔𝓣𝓐 die Menge der ETA-Referenzen (eigener Folge-Eintrag
eta_referenz), -
𝓢𝓰 die Menge der Stahlgüten (eigener Folge-Eintrag
stahlguete).
Dann ist ein Verbindungsmittel das Tupel
VM:= (uuid, geometrie, lokale_platzierung, werkstoff,
typ, nenndurchmesser, nennlaenge, achse,
verbindet, multiplizitaet,
eta_zulassung?, stahlguete?,
positionsnummer?, produktkennzeichnung?, bezeichnung?)
mit den von element ererbten Pflichtfeldern
- uuid ∈ 𝓤,
- geometrie ∈ 𝓖_VM ⊂ 𝓖 (1D-dominante Verbindungsmittelgeometrie: Stab mit kreisförmigem Querschnitt für stiftförmige; Plattengeometrie für Nagelplatten und Dübel besonderer Bauart; Klebfuge als Flächengeometrie für Klebungen),
- lokale_platzierung ∈ SE(3),
- werkstoff ∈ 𝓦,
und den verbindungsmittel-spezifischen Pflichtfeldern
- typ ∈ 𝓥𝓜_τ (Verbindungsmittel-Typ),
- nenndurchmesser d ∈ 𝓛 (Nenndurchmesser in mm; bei Klebungen und Nagelplatten typabhängig zu interpretieren oder ⊥),
- nennlaenge ℓ ∈ 𝓛 (Nennlänge in mm),
- achse ∈ Strecke ⊂ Gerade × ℝ²: die Verbindungsmittelachse als Strecke s = (P₀, P₁) mit P₀, P₁ ∈ ℝ³ in W (cadwork-Konzept VBA); ‖P₁ − P₀‖ ≈ ℓ bzw. ≤ ℓ + Toleranzen.LAENGE_EPS (das geometrische Versenken der Schraubenspitze ist eine Bemessungsfrage, nicht eine Geometriefrage),
- verbindet ⊂ 𝓤 mit |verbindet| ≥ 2: die UUIDs derjenigen Bauteile, die durch das Verbindungsmittel verbunden werden,
- multiplizitaet n ∈ ℕ, n ≥ 1 (Default 1; Anzahl gleichartiger
Verbindungsmittel, die durch dieses Element repräsentiert werden;
IFC
IfcMechanicalFastenerist „one or many" zulässig),
und den Optionalfeldern
- eta_zulassung ∈ 𝓔𝓣𝓐 ∪ {⊥},
- stahlguete ∈ 𝓢𝓰 ∪ {⊥},
- positionsnummer, produktkennzeichnung, bezeichnung
wie in
element.
Die Achse s = (P₀, P₁) trägt Position und Richtung; der Typ zusammen mit Nenndurchmesser, Nennlänge und ETA-Zulassung trägt die Bemessungs- und Stücklisten-Spezifikation. Diese Trennung folgt dem cadwork-Konzept der Verbindungsmittelachse (VBA): aus der Achse werden Werkplan-Symbol, Bohrlochbearbeitung am Bauteil, Stücklisten- Eintrag und statische Position für externe Bemessung erzeugt; aus dem Typ folgen alle Bemessungseingaben.
Es ist 𝓥𝓜 ⊂ 𝓔, d. h. die Menge der Verbindungsmittel ist eine
disjunkte Teilmenge der Element-Menge (siehe element).
Wohldefiniertheit¶
- Existenz: Für jedes konkrete in einem Tragwerk eingebaute Verbindungsmittel lässt sich das obige Tupel erfassen. Mindestkonfiguration: typ = Nagel, d = 4.0 mm, ℓ = 100 mm, achse als Strecke der Länge ≈ 100 mm, |verbindet| = 2, multiplizitaet = 1.
- Eindeutigkeit der Identität: über
uuid(geerbt vonelement). - Geometrie-Konsistenz: Die Achse s = (P₀, P₁) ist im Welt-
Koordinatensystem zu interpretieren; das lokale Element-
Koordinatensystem hat per Konvention seinen Ursprung in P₀, mit
z-Achse entlang (P₁ − P₀)/‖P₁ − P₀‖. Die
lokale_platzierungüberführt dieses lokale System nach W; G_W(VM) ist der durch typ, nenndurchmesser und nennlaenge erzeugte Stab- bzw. Flächenkörper unter dieser Transformation. - Achse-Länge-Konsistenz: Es gilt ‖P₁ − P₀‖ ≤ ℓ + Toleranzen.LAENGE_EPS. Die Achse ist die geometrische Lage des eingebauten Stücks; ℓ ist die ungekürzte Nennlänge des Lieferprodukts. Bei Schrauben mit nicht eingedrehtem Kopfüberstand oder bei Bolzen mit Mutter und Beilagscheiben ist diese Toleranz typisch klein (≪ ℓ).
- Verbindet-Konsistenz: Jedes uuid ∈ verbindet referenziert ein
existierendes Bauteil im Modell. |verbindet| ≥ 2 ist zwingend; ein
Verbindungsmittel, das nur ein Bauteil „durchsticht", wird nicht
modelliert (das wäre eine reine Bohrung als Bauteil-Bearbeitung).
Foreign-Key-Regel (siehe
uuid): die Liste enthält ausschließlich UUIDs, niemals Positionsnummern. - Multiplizität: n ≥ 1. Eine Instanz mit n = k repräsentiert k gleichartige Verbindungsmittel an derselben funktionalen Position (Nagelfeld, Schraubenreihe, Stabdübel-Cluster). Bemessungs- konsequenz: die effektive Anzahl n_ef nach EC5 Gl. 8.17 bezieht sich auf diese Multiplizität.
- Disjunktheit zu Bauteil/Verbinder/Verstärkung: Ein
Verbindungsmittel-Tupel ist genau dann ein Verstärkungselement im
Sinne von
verstaerkungselement, wenn es funktional in eine Verstärkungsrolle gestellt wird; dann wird es in einem eigenen Tupel der KlasseVerstaerkungselementinstanziiert (mit eigener UUID), das auf das Verbindungsmittel-Spezifikations-Tripel (typ, d, ℓ) zurückgreift. Es entsteht keine Mehrfach-Klassifikation desselben Tupels; die Klassifikation ist Konstruktions- entscheidung. - Wohldefiniertheit der Bemessungsdaten: typ und nenndurchmesser bestimmen zusammen mit dem ETA-Eintrag (falls vorhanden) den charakteristischen Wert für die Tragfähigkeit nach EC5; die App liefert die geometrische Eingabe, nicht den Bemessungswert.
- Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
element,uuid,gerade,strecke,bauteil,werkstoffundtoleranzen. Sie verweist aufverbindung,verbinder,verstaerkungselementausschließlich in der Abgrenzung, nicht in der Definition.
Erläuterung (nicht normativ)¶
Werkstoff¶
Verbindungsmittel haben typisch Werkstoff werkstoff_stahl
(Stahlgüten 4.6 / 5.6 / 8.8 / 10.9 für Bolzen und Schrauben,
A2-70 / A4-70 für Edelstahl-Anwendungen, S235 / S355 für Klammern
und Nagelplatten). Holzdübel sind die Ausnahme: sie haben
Werkstoff axiales_holz aus Hartholz (typisch Eiche, Esche,
Robinie). Klebungen als Verbindungsmittel-Subtyp tragen einen
eigenen Werkstoff-Begriff (Klebstoff-Klasse nach EC5 Kap. 10),
der außerhalb der hier eingeführten Werkstoff-Hierarchie liegt
(Folgearbeit).
Klassifikation nach EC5 Kap. 8¶
Die Verbindungsmittel-Familie zerfällt nach DIN EN 1995-1-1 in drei Hauptklassen:
- Stiftförmige Verbindungsmittel auf Abscheren (Kap. 8.2 ff.): Nägel (8.3), Klammern (8.4), Bolzen (8.5), Stabdübel (8.6), Schrauben (8.7), Holzschrauben mit Vollgewinde (auch Kap. 8.7). Die Bemessung folgt der Johansen-Theorie: aus den drei möglichen Versagensmoden (Lochleibung in Holz, Fließen des Verbindungsmittels mit ein bzw. zwei Fließgelenken) wird der maßgebende Mindestwert gewählt; der Seileffekt erhöht die Tragfähigkeit zusätzlich.
- Nicht-stiftförmige Verbindungsmittel: Nagelplatten (Kap. 8.10), Dübel besonderer Bauart nach DIN EN 14545 (Ringdübel, Scheibendübel, Zahnscheiben), die die Lasten flächig in das Holz einleiten.
- Klebungen (EC5 Kap. 10): Klebfuge zwischen zwei Bauteilen, nach Klebstoff- und Vorbereitungs-Klassen bemessen.
Verbindungsmittelachse (cadwork-Konzept VBA)¶
Die App folgt dem in cadwork etablierten Konzept der Verbindungsmittelachse: ein Verbindungsmittel ist intern eindimensional als Strecke (P₀, P₁) repräsentiert. Aus dieser Achse plus Typ-Spezifikation werden generiert:
- 3D-Visualisierung: Stabkörper (Schaft + ggf. Kopf) durch Sweep des Querschnitts entlang der Achse.
- Werkplan-Symbol: 2D-Darstellung im Riss (Querschnitt durchs Achssegment).
- Bohrlochbearbeitung: Boolean-Subtraktion eines Zylinders mit
Durchmesser d und Länge ‖P₁ − P₀‖ aus jedem Bauteil in
verbindet(BTLx-ProcessingDrillingoderLag-Screw). - Stücklisten-Eintrag: Typ + d + ℓ + multiplizitaet ⇒ Eintrag in der Verbindungsmittelliste.
- Statische Position: Achse als Eingabe für externe Bemessungstools (z. B. mb-Statik, RFEM).
Stücklisten-Trennung¶
Verbindungsmittel haben eigene Stücklisten, getrennt von der
Bauteilstückliste. Das entspricht der Realität der Beschaffungs-
logistik (Schrauben in Eimern, Nägel im Sack, Stabdübel als
Meterware) und folgt dem cadwork-Konzept „Verbindungsmittelliste"
≠ „Bauteilstückliste". Die Trennung ist im Datenmodell durch die
unterschiedlichen Element-Subklassen Bauteil und
Verbindungsmittel bereits erzwungen.
Multiplizität¶
Eine Instanz Verbindungsmittel mit multiplizitaet = 24
repräsentiert ein Schraubenfeld aus 24 gleichartigen Schrauben
mit gemeinsamer Bemessungs-Logik (Mindestabstände untereinander,
effektive Anzahl n_ef). Die einzelnen 24 Schrauben werden nicht
als 24 getrennte Verbindungsmittel-Instanzen geführt — das wäre
geometrisch korrekt, datenmodellseitig aber unnötig redundant und
würde die Bemessungs-Aggregation erschweren. IFC erlaubt
IfcMechanicalFastener ausdrücklich als „one or many of actual
mechanical fasteners".
Bei der Visualisierung wird n × der Stab gerendert, bei der Stückliste n × der Eintrag erzeugt; die UUID ist genau eine.
Bemessungs-Trennlinie zur Bauteil-Bemessung¶
| Schicht | Norm | Bezugsobjekt |
|---|---|---|
| Querschnittsbemessung | EC5 Kap. 6, SIA 265 §4 | Bauteil |
| Anschlussbemessung | EC5 Kap. 8, SIA 265 Kap. 6 | Verbindungsmittel + Verbindung |
| Verstärkungs-Bemessung | EC5:2022 (Entwurf), ETA | Verstärkungselement |
| Klebung | EC5 Kap. 10 | Klebung als Verbindungsmittel-Subtyp |
Beziehungen¶
- Oberbegriff:
element(Element der App-Ontologie). - Spezialisierungen (eigene Einträge folgen):
- Nagel (
nagel): EC5 Kap. 8.3. - Klammer (
klammer): EC5 Kap. 8.4. - Bolzen (
bolzen): EC5 Kap. 8.5. - Stabdübel (
stabduebel): EC5 Kap. 8.6. - Schraube (
schraube): EC5 Kap. 8.7; insbesondere Holzschraube mit Vollgewinde (vollgewindeschraube). - Holzdübel (
holzduebel): zimmermannsmäßiges Verbindungsmittel aus Hartholz. - Nagelplatte (
nagelplatte): EC5 Kap. 8.10. - Dübel besonderer Bauart (
duebel_besonderer_bauart): DIN EN 14545. - Klebung (
klebung): EC5 Kap. 10. - Bestandteile (partitiv) (geerbt von
element): uuid, geometrie, lokale_platzierung, werkstoff; zusätzlich typ, nenndurchmesser, nennlaenge, achse, verbindet, multiplizitaet. - Verwendung:
- Bestandteil einer Verbindung (
verbindung, eigener Eintrag folgt): die Verbindung führt eine Liste von Verbindungsmittel- UUIDs. - Bestandteil eines Tragwerks (
tragwerk): erweitert die Element-Menge des Tragwerks, gehört zur Verbindungs-Menge V in der Tupel-Repräsentation (B, V, A, L). - Abgrenzung:
- Bauteil (
bauteil): tragend und/oder raumbildend; Querschnittsbemessung nach EC5 Kap. 6. Verbindungsmittel sind kein Bauteil und werden in eigenen Stücklisten geführt. - Verbinder (
verbinder): vermittelndes Bauteil zwischen Stäben (Knotenblech, Balkenschuh), das selbst durch Verbindungsmittel befestigt wird. Verbinder ist EC5-Konzept der „indirekten Verbindung" (8.2.3); Verbindungsmittel ist das einzelne Stück. - Verstärkungselement (
verstaerkungselement): selbe physische Objektklasse wie ein Verbindungsmittel (typisch Vollgewindeschraube), aber in Verstärkungsfunktion mit eigener axialer Bemessung nach EC5:2022 / ETA. Funktion bestimmt die Klasse, nicht das Material. Wer denselben Schraubentyp einmal als Anschluss-Schraube und einmal als Querzugverstärkung einbaut, instanziiert zwei verschiedene Element-Subklassen. - Verbindung (
verbindung): Aggregat-Klasse über Bauteilen + Verbindungsmitteln (+ Verbindern + Verstärkungen) an einem Knotenpunkt. Verbindungsmittel ist das einzelne Tragstück, Verbindung das Aggregat darüber. - Element (
element): abstrakter Oberbegriff; Verbindungsmittel ist eine konkrete Subklasse.
Quellen¶
Primär (normativ):
- DIN EN 1995-1-1:2010-12, „Eurocode 5: Bemessung und Konstruktion von Holzbauten – Teil 1-1", Kapitel 8 und Kapitel 10.
- DIN EN 14592:2022-09, „Holzbauwerke – Stiftförmige Verbindungsmittel – Anforderungen".
- DIN EN 14545:2009-02, „Holzbauwerke – Verbinder – Anforderungen".
- SIA 265:2021, „Holzbau", Kapitel 6 „Verbindungen" und Anhang A (genauere Berechnung).
- ÖNORM B 1995-1-1:2019.
- ISO 16739-1:2024, IFC-Entität
IfcMechanicalFastener. - design2machine: BTLx 2.x Specification (Stand 2024).
- ETA-11/0190 (Würth ASSY).
- Z-9.1-519 (SPAX Vollgewindeschrauben, DIBt).
- ETA-12/0373 (Reisser).
Sekundär:
- Blass, H. J.; Sandhaas, C.: Ingenieurholzbau – Grundlagen der Bemessung. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2016, Kap. 8.
- Holzbau-Handbuch, Reihe 2, Teil 1, Folge 1, Informationsdienst Holz.
- Mönck, W.; Rug, W.: Holzbau – Bemessung und Konstruktion.
- Auflage, Beuth, Berlin 2015, Kap. 7.
- cadwork informatik: Dokumentation „Verbindungsmittelachse (VBA)".
- Hersteller-BIM-Bibliotheken: Rothoblaas, Würth, SFS, Simpson Strong-Tie.
Korpus (nicht autoritativ):
- Holzbau Deutschland, Merkblatt „Begriffe und Klassifizierungen für den Holzbau" (abgerufen 2026-05-08).
- Wikipedia, Lemma „Holzverbindung" (abgerufen 2026-05-08).