Haupttragrichtung
Prosa-Definition¶
Die Haupttragrichtung eines Mehrlagenholzes ist ein Einheitsvektor im Welt-Koordinatensystem, der in der Plattenebene liegt, rechtwinklig zur Plattendicken-Achse steht und in Richtung der Faserrichtung der äußeren Decklage zeigt, an der die höhere Plattensteifigkeit (E_0,mean nach DIN EN 1995-1-1 / ProHolz) und damit die bemessungsrelevante 0°-Richtung der Plattenfestigkeitswerte ausgerichtet ist.
Mathematische Definition¶
Sei
- e_hat_d ∈ S² die Plattendicken-Achse (siehe
plattendicken_achse), - L = (ℓ₀, …, ℓ_{n−1}) die Lagenstruktur des Mehrlagenholzes
(siehe
lagenstruktur), n ≥ 3, - h_hat ∈ S² ein Einheitsvektor (siehe
einheitsvektor).
Dann ist die Haupttragrichtung des Mehrlagenholzes definiert als
haupttragrichtung := h_hat
:= ℓ₀.faserrichtung
(bis auf Vorzeichen),
mit den Konstruktions-Invarianten
(H1) Orthogonalität zur Plattendicken-Achse:
⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0 (mathematisch),
| ⟨h_hat, e_hat_d⟩ | ≤ Toleranzen.WINKEL_EPS (numerisch).
(H2) Decklage-Konsistenz:
h_hat ≡ ℓ₀.faserrichtung (bis auf Vorzeichen),
d. h. | ⟨h_hat, ℓ₀.faserrichtung⟩ | ≥ 1 − Toleranzen.WINKEL_EPS.
(H3) Norm-Invariante:
| ‖h_hat‖² − 1 | ≤ Toleranzen.NORM_EPS (geerbt von einheitsvektor).
Nebentragrichtung (siehe eigener Eintrag nebentragrichtung):
n_hat := e_hat_d × h_hat ∈ S²,
mit ‖n_hat‖ = 1 wegen ⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0 und ‖h_hat‖ = ‖e_hat_d‖ = 1.
Faserwinkel zur Kraft (für Hankinson-Auswertung gemittelt über
das Bauteil; in der Praxis erfolgt die Bemessung pro Lage, siehe
hankinson_winkel und mehrlagenholz):
α(F_hat, h_hat) := arccos( | ⟨F_hat, h_hat⟩ | ) ∈ [0, π/2]
Die Hankinson-Formel ist auf der Bauteil-Ebene nicht direkt anwendbar; sie muss pro Lage ausgewertet werden (vgl. Blaß/Flaig 2012 KIT).
Wohldefiniertheit¶
- Existenz: Jede CLT-/Sperrholz-Platte hat per Lagenstruktur-Pflicht (n ≥ 3) eine Decklage 0 mit definierter Faserrichtung; daraus folgt die Haupttragrichtung eindeutig.
- Eindeutigkeit bis auf Vorzeichen: h_hat ist durch ℓ₀.faserrichtung bis auf Vorzeichen festgelegt. Vorzeichenkonvention ist beim Mehrlagenholz/Bauteil zu dokumentieren (typisch in Halbachse der längeren Plattenformat- Kante).
- Pflichtcharakter: Bei Werkstoff-Modus STRUKTURIERT ist
haupttragrichtungPflichtfeld am Werkstoff. Bei den anderen Modi nicht definiert. - Orthogonalitäts-Invariante (H1): h_hat ⊥ e_hat_d ist Konstruktions-Invariante; Verletzung ist Validierungsfehler.
- Decklage-Konsistenz (H2): h_hat entspricht ℓ₀.faserrichtung bis
auf Vorzeichen; diese Invariante ist Pflicht (auch bei
abweichendem Lagenaufbau, vgl.
lagenstrukturInvariante I5). - Eindeutigkeit der Nebentragrichtung: n_hat = e_hat_d × h_hat ist algebraisch bestimmt (Rechte-Hand-Regel mit Welt- Rechtssystem konsistent).
- Konsistenz mit Lagenstruktur: alle Lagen-Faserrichtungen sind im Standardlayout parallel oder rechtwinklig zu h_hat (Lagenstruktur-Invariante I4); bei abweichendem Lagenaufbau ausgesetzt.
- Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
einheitsvektor,plattendicken_achse,lagenstruktur,toleranzen. Sie verweist aufnebentragrichtungnur als abgeleitete Größe, nicht in der eigenen Definition.
Erläuterung (nicht normativ)¶
ProHolz-Definition¶
ProHolz Austria definiert in „Brettsperrholz Bemessung Band I" wörtlich:
Haupttragrichtung (0°): Richtung der Decklamellen mit höherer Steifigkeit der Platte.
Diese Definition wird im Glossar wörtlich übernommen und durch folgende Präzisierung formalisiert:
- „Decklamellen" = Lage 0 der Lagenstruktur (äußere Decklage).
- „Höhere Steifigkeit" = E_0,mean > E_90,mean (DIN EN 1995-1-1). Bei einer 5-lagigen 30/30/30/30/30-mm-Platte mit Faserrichtungen 0°/90°/0°/90°/0° und allen Lagen aus C24-Holz ist die Steifigkeit in 0°-Richtung höher, weil drei Lagen die Last aufnehmen, in 90°-Richtung nur zwei.
- Bei symmetrischen Standardlayouts (3, 5, 7 Lagen, ungerade) ist die 0°-Richtung gleich der Decklage-0-Faserrichtung.
Verallgemeinerung auf Sperrholz und Multiplex¶
DIN EN 636 (Sperrholz) führt analog eine Decklage-Faserrichtung; die Haupttragrichtung im Glossar ist auch hier die Faserrichtung der äußersten Furnierlage. Multiplex (≥ 5 Lagen) folgt derselben Konvention.
Bemessung bei Mehrlagenholz¶
Die Bemessung von BSP/CLT-Bauteilen erfolgt nach EN 1995-1-1 Anhang B (γ-Verfahren) oder nach Schickhofer-Methodik. Beide unterscheiden:
- Plattenfestigkeit f_m,0,k: parallel zur Haupttragrichtung (= Decklage-Richtung).
- Plattenfestigkeit f_m,90,k: parallel zur Nebentragrichtung (= 90° zur Decklage).
Bei Schubbeanspruchung sind zusätzlich die Lagen-Schubfestigkeiten (Rollschub) maßgebend.
Schnittwinkel-App: lagenweise¶
Die App muss bei einem Schnitt durch ein Mehrlagenholz die Faserwinkel α_i = ∠(Schnittebene, ℓ_i.faserrichtung) pro Lage berechnen, nicht einen einzelnen Bauteil-Winkel α(Schnitt, h_hat). Die Haupttragrichtung dient dabei als Bezugsachse für die UI-Darstellung („Schnitt schräg zur Haupttragrichtung") und für die Plattenfestigkeits-Annotation, nicht für die lagenweise Hankinson-Auswertung.
Beziehungen¶
- Oberbegriff:
einheitsvektor. Strukturell ist die Haupttragrichtung ein Einheitsvektor; das Mehrlagenholz- Spezifikum ist die semantische Rolle „Decklage-Richtung mit höherer Steifigkeit". - Verwendung:
- Mehrlagenholz (
mehrlagenholz): Pflichtfeld; primäres Plattenebene-Richtungsfeld. - Nebentragrichtung (
nebentragrichtung): abgeleitet als e_hat_d × h_hat. - Lagenstruktur (
lagenstruktur): Invariante I5 verknüpft h_hat mit ℓ₀.faserrichtung. - Hankinson-Winkel (
hankinson_winkel): bei Mehrlagenholz pro Lage; Haupttragrichtung dient als Bezugsachse für die Plattenfestigkeit, nicht für lagenweise Bemessung. - Abgrenzung:
einheitsvektor(allgemein): trägt keine semantische Rolle.plattendicken_achse: rechtwinklig zur Plattenebene; Haupttragrichtung liegt in der Plattenebene (rechtwinklig zur Plattendicken-Achse).plattenlaengsrichtung: OSB-spezifisch (Modus SCHWACH); Haupttragrichtung ist Mehrlagenholz-spezifisch (Modus STRUKTURIERT). Disjunkt nach Werkstoff-Modus.nebentragrichtung: 90° zur Haupttragrichtung in der Plattenebene; abgeleitet, redundant.faserrichtung: Faserrichtung im engeren Sinn ist die L-Richtung der Holzfaser einer einzelnen Holzlamelle. Die Haupttragrichtung ist die makroskopische Decklage- Faserrichtung; sie stimmt mit ℓ₀.faserrichtung überein, hat aber eine andere semantische Rolle (Bauteil-Bemessungsachse vs. Lagen-Materialachse).
Implementierungshinweis¶
Datentyp (Domänen-Schicht, Kotlin, Schicht
domain.holzbau.werkstoff):
package domain.holzbau.werkstoff
import domain.geometrie.Einheitsvektor
/**
* Haupttragrichtung eines Mehrlagenholzes (CLT/BSP, Sperrholz,
* Multiplex): Einheitsvektor in der Plattenebene, parallel zur
* Decklage-Faserrichtung (Lage 0 der Lagenstruktur).
* Glossar: hg_haupttragrichtung.md — ProHolz Austria 2014.
*
* Strukturell ein Wrapper um Einheitsvektor; semantische Rolle
* 'Bauteil-0°-Bemessungsachse'. Pflichtfeld bei Mehrlagenholz.
*
* Konstruktions-Invarianten:
* H1: orthogonal zur Plattendicken-Achse (innerhalb WINKEL_EPS).
* H2: parallel zu lagenstruktur.lagen[0].faserrichtung
* (bis auf Vorzeichen).
* H3: Norm-Invariante (geerbt).
*/
@JvmInline
value class Haupttragrichtung(val richtung: Einheitsvektor) {
val x: Double get() = richtung.x
val y: Double get() = richtung.y
val z: Double get() = richtung.z
operator fun unaryMinus(): Haupttragrichtung =
Haupttragrichtung(-richtung)
}
- Einheit: dimensionslos (geerbt).
- Invarianten: alle Invarianten von
Einheitsvektorplus H1 und H2; geprüft inMehrlagenholz.init, weil dort Plattendicken-Achse und Lagenstruktur verfügbar sind. - Vorzeichenkonvention: typisch in dieselbe Halbachse wie die längere Plattenformat-Kante; alle Plattenfestigkeiten f_0/f_90 sind vorzeicheninvariant.
- Edge Cases:
- Verletzung H1 (Haupttragrichtung nicht rechtwinklig zur
Plattendicken-Achse):
Entartet.HaupttragrichtungNichtOrthogonalZurPlattendickenAchse. - Verletzung H2 (Haupttragrichtung nicht parallel zur
Decklage-Faserrichtung):
Entartet.HaupttragrichtungInkonsistentZurDecklage. - Mehrlagenholz mit ungewöhnlicher Decklage (z. B. 45°-Lage): Haupttragrichtung folgt trotzdem ℓ₀.faserrichtung, weil I5 auch bei abweichendem Lagenaufbau gilt. Der UI sollte die Sondersituation explizit anzeigen.
- IFC-Mapping (Persistenzschicht): nicht direkt abgebildet;
die Haupttragrichtung ergibt sich aus
IfcMaterialLayerSet.LayerSetDirectionplus Decklage-Faserrichtung. - Verwendungsregel: Funktionen, die plattenebenebezogene
Festigkeiten (f_m,0, f_m,90) berechnen, nehmen
Haupttragrichtungals Parametertyp und nicht den nacktenEinheitsvektor. Dadurch wird die semantische Rolle am API-Rand sichtbar.
Quellen¶
Primär (normativ):
- DIN EN 16351:2021-08, „Holzbauwerke – Brettsperrholz".
- DIN EN 1995-1-1:2010-12, „Eurocode 5", Abschnitt 9 und Anhang B.
- ProHolz Austria: Brettsperrholz Bemessung Band I. Wien 2014.
Sekundär:
- Schickhofer, G.; Bogensperger, T.; Moosbrugger, T. (Hrsg.): BSPhandbuch. 2. Aufl., TU Graz 2010.
- Blaß, H. J.; Flaig, M.: Stabförmige Bauteile aus Brettsperrholz. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2012.
- Niemz, P.; Sonderegger, W.: Physik des Holzes und der Holzwerkstoffe. Hanser, München 2017.
Korpus (nicht autoritativ):
- ETAs der CLT-Hersteller (KLH ETA-06/0138, Stora Enso ETA-14/0349, Hasslacher ETA-12/0281, Binderholz ETA-11/0210), abgerufen 2026-05-08.
- Wikipedia, Lemma „Brettsperrholz" (abgerufen 2026-05-08).