Säule
Prosa-Definition¶
Eine Säule ist eine Bauteilrolle, die als architektonisch- klassische Spezialisierung der Stütze auftritt, deren Bauteilachse lotrecht verläuft, deren Querschnitt typisch rund oder polygonal ist und deren Schaft in eine Dreigliederung aus Basis (Sockel-Element am Stützenfuß), Schaft (eigentlicher tragender Stab) und Kapitell (Bekrönungs-Element am Stützenkopf) gegliedert ist, gegebenenfalls nach einer der klassischen Säulenordnungen proportioniert.
Mathematische Definition¶
Sei
- B ein Bauteil im Sinne von
bauteil, - S eine Stütze im Sinne von
stuetzemit zugrunde liegendem Bauteil B (alle Stützen-Bedingungen 1–6 vonhg_stuetze.mderfüllt), - a(B) = Bauteilachse.Gerade(p_a, p_e) die Bauteilachse mit d_hat := (p_e − p_a) / ‖p_e − p_a‖,
- e_z := (0, 0, 1)ᵀ die vertikale Welt-Achse,
- ε_K := Toleranzen.KOLLINEAR_EPS.
Dann heißt B eine Säule genau dann, wenn die folgenden Bedingungen alle erfüllt sind:
-
Stützen-Konformität: B ist eine Stütze im Sinne von
hg_stuetze.md(alle dortigen Bedingungen 1–6). -
Strikte Lotrechtheit: Die Bauteilachse ist exakt lotrecht (im Toleranz-Rahmen):
geerbt von‖d_hat × e_z‖ ≤ ε_K,stuetzeBedingung 2; bei der Säule ohne mögliche Neigung (anders als bei der schräggestellten Stuhlsäule im liegenden Stuhl, die per Definition nicht als Säule qualifiziert). -
Freistehender Charakter: B ist nicht in eine Wand-, Stuhl- oder Hängewerk-Bauteilgruppe eingebunden; B steht frei im architektonischen Raum (Säulenhalle, Tempel, barocker Innenraum) oder dient als freistehender Lastträger einer Decken-Auflagerung.
-
Architektonische Gliederung (zugesichert, nicht formal geprüft): B trägt eine Dreigliederung aus Basis, Schaft und Kapitell, oder ist als Schaft-Säule ohne explizite Basis/Kapitell- Glieder ausgeführt (vereinfachte moderne Säule). Diese Bedingung ist eine architektonische Zusicherung, die im Glossar nicht formal überprüft wird — sie unterscheidet die Säule konzeptuell-architektonisch von einer reinen Ingenieur-Stütze gleicher Geometrie.
Optional kann B eine Säulenordnung ordnung(B) ∈ {Dorisch, Ionisch, Korinthisch, Toskanisch, Komposit, Ungeordnet} tragen.
Wohldefiniertheit¶
-
Existenz: Für jede klassische Holzsäule (barocker Innenraum, Tempelarchitektur mit Holzsäulen, restauratorisch erhaltene historische Holzsäule), jede klassische Stein-/Mauerwerk-Säule und jede moderne Stahl-/Stahlbeton-Säule mit Säulen-Gestus sind alle Bedingungen erfüllbar.
-
Eindeutigkeit der Säulenrichtung: Bedingung 2 fixiert die Stützenrichtung auf d_hat ≈ +e_z bis auf ε_K, geerbt von
stuetze. -
Konsistenz mit
stuetze: Per Bedingung 1 ist jede Säule eine Stütze. Die Stützen-Substanz (Werkstoff-Neutralität, Querschnitts- Bedingung q_max ≤ 4·q_min, Druck-Lastpfad, Ausschluss der Wand- Inzidenz) wird vollständig geerbt. -
Disjunktheit zu
stuhlsaeuleundhaengesaeule: Beide Komposita-Bauteilrollen sind nicht Säulen im Sinne dieses Eintrags, weil sie Bedingung 3 (freistehender Charakter) verletzen — die Stuhlsäule ist in eine Stuhl-Konstruktion eingebunden (Stuhlpfetten-Anschluss am Kopf, Stuhlschwellen- Anschluss am Fuß), die Hängesäule in ein Hängewerk (Bundbalken- Anker unten, Strebe-Schnittpunkt-Anker oben). Die App führt Stuhlsäule und Hängesäule daher als Geschwister-Bauteilrollen direkt unterbauteil, nicht untersaeule. -
Nicht-formale Architektur-Zusicherung: Bedingung 4 wird im Glossar nicht formal überprüft. Eine moderne Säule ohne explizite Basis/Kapitell-Glieder (reine Schaft-Säule) qualifiziert auch als Säule, sofern der freistehende Charakter und die architektonische Inszenierung gegeben sind. Die formale Überprüfung wäre Aufgabe einer hypothetischen Architektur-/Tempelbau-Modellierungs- Schicht.
-
Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
stuetze(Welle 13, dieselbe Welle) und die weiter unten liegenden Primitive. Welle-13-interne Verweise sind nach HG_KONVENTIONEN.md §6 zulässig.
Erläuterung (nicht normativ)¶
Die Säule ist im klassisch-architektonischen Bauwesen das ästhetisch und konstruktiv aufgeladene Vertikalbauteil. Ihre lange Geschichte (von antiker Tempelarchitektur über romanische, gotische, Renaissance- und barocke Architektur bis in moderne Reinterpretationen) hat ein präzises Vokabular von Proportions-Regeln, Schmuck-Elementen und Material-Konventionen hervorgebracht.
Klassische Dreigliederung¶
Eine klassische Säule besteht aus drei vertikal aufeinander gestapelten Teilen:
- Basis (Sockel-Element am Stützenfuß): überträgt die Säulen- Last in das Stylobat (Tempelboden) oder das Säulen-Postament; vermittelt zwischen Stützenfuß und Boden. In der toskanischen und dorischen Ordnung oft fehlend.
- Schaft (eigentlicher tragender Stab): der lotrechte, druckbeanspruchte Stab. Klassisch oft mit Entasis versehen — einer subtilen, mathematisch ausgefeilten Verjüngung von unten nach oben (Vitruv schreibt unterschiedliche Verjüngungs- Verhältnisse je Säulenordnung vor). Die Schaft-Oberfläche kann glatt, kanneliert (mit senkrechten Rillen) oder mit Reliefschmuck ausgeführt sein.
- Kapitell (Bekrönungs-Element am Stützenkopf): vermittelt zwischen dem schlanken Schaft und der breiteren Tragebene (Architrav, Decke, Gewölbe). Trägt das Schmuck-Repertoire der jeweiligen Säulenordnung: dorische Echinus-Volute, ionische Voluten, korinthisches Akanthus-Blätterwerk.
Diese Dreigliederung ist konstruktiv eher Tradition als Konstruktions-Notwendigkeit; eine moderne Säule kann als reine Schaft-Säule ohne explizite Basis und Kapitell ausgeführt sein und qualifiziert dennoch als Säule.
Klassische Säulenordnungen¶
Die fünf klassischen Säulenordnungen (Vitruv, vier Bücher zum griechisch-römischen Bau-Kanon) sind:
| Ordnung | Schaft:Durchmesser | Kapitell-Merkmal | Herkunft |
|---|---|---|---|
| Toskanisch | ≈ 1:7 | schlicht, ohne Schmuck | etruskisch/römisch |
| Dorisch | ≈ 1:6 (griechisch) bis 1:7 (römisch) | Echinus mit Abakus | griechisch |
| Ionisch | ≈ 1:8 bis 1:9 | Volutenkapitell | griechisch (Kleinasien) |
| Korinthisch | ≈ 1:10 | Akanthus-Blätter | griechisch (Korinth) |
| Komposit | ≈ 1:10 | Ionische Voluten + korinthische Akanthus | römisch |
Diese Ordnungen sind im aktuellen App-Scope nicht modelliert;
die Saeulenordnung-Klassifikation steht als optionales Merkmal
am Säulen-Bauteil zur Verfügung, wird aber nicht formal überprüft.
Säule im modernen Holzbau¶
Im modernen Holzbau-Korpus (Lignum, SIA 265, ETH-Lehre, CH-
Praxis) tritt die Säule als alleinstehende Bauteilbenennung nicht
aktiv auf. Sie ist primär ein Wortstamm-Anker für die
Komposita Stuhlsäule (hg_stuhlsaeule.md) und Hängesäule
(hg_haengesaeule.md), die ihrerseits eigenständige Bauteilrollen
mit konstruktiver Funktion im Dachstuhl bzw. Hängewerk sind. Die
moderne CH-Holzbau-Praxis verwendet für freistehende lotrechte
Holz-Tragglieder durchgängig Stütze (hg_stuetze.md), nicht
Säule.
Historische Holzsäulen treten in barocker Innenraum-Architektur, in klassischen Holztempel-Bauten und in restauratorisch erhaltenen Bauwerken (Schloss-Kapellen, Empore-Tragwerke etc.) auf; sie sind im aktuellen App-Plan nicht zentraler Modellierungs-Gegenstand, aber als Disambiguations-Splitter und Wortstamm-Anker im Glossar geführt.
Säule vs. Pfeiler vs. Pilaster¶
- Säule: freistehend, lotrecht, runder oder polygonaler Querschnitt mit ästhetisch-architektonischer Gliederung (Basis-Schaft-Kapitell).
- Pfeiler (
pfeiler, kein eigener Eintrag): freistehendes Mauerwerks- oder Stein-Vertikalbauteil mit oft rechteckigem Querschnitt; im DACH-Bauwesen abgegrenzt von der Säule durch Werkstoff (Mauerwerk/Stein vs. überwiegend Stein/Holz für die Säule) und Querschnitts-Form (rechteckig vs. rund). Die Trennung ist allerdings unscharf — historisch werden „Pfeiler" und „Säule" je nach Sprachgebrauch verwendet. - Pilaster (
pilaster, kein eigener Eintrag): an eine Wand angelagerte (nicht freistehende) flache Säule mit ornamentaler Funktion; nicht primär tragend. Im Holzbau praktisch nicht vorkommend.
Andere Bedeutungen / Englisch¶
column: Standard-Übersetzung der Säule und der Stütze; im Englischen wird die architektonische Differenzierung weniger scharf gezogen.pillar: oft synonym, gelegentlich mit Pfeiler-Konnotation.pilaster: international, wie deutsch.
Beziehungen¶
- Oberbegriff:
stuetze. Die Säule ist Bauteilrolle-Subtyp der werkstoffneutralen Stütze; sie erbt alle Stützen-Bedingungen und ergänzt sie um Architektur-Zusicherung und freistehenden Charakter. - Bestandteile (partitiv, geerbt von
bauteilundstuetze): - Bauteilachse (
bauteilachse.Gerade), lotrecht; - Querschnitt (rund, polygonal, oder rechteckig; q_max ≤ 4·q_min);
- Werkstoff (Holz, Stein, Mauerwerk, Beton, Stahl, Aluminium);
- Faserrichtung (bei Holzsäulen axial).
- Architektonische Bestandteile (zugesichert, nicht im aktuellen Glossar formal geführt; Folgearbeit-Trigger):
- Basis (
basis, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): Sockel-Element am Stützenfuß. - Schaft (
schaft, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): tragender Stab mit Entasis. - Kapitell (
kapitell, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): Bekrönungs-Element am Stützenkopf. - Spezialisierungen:
- Im aktuellen Glossar keine. Die fünf klassischen
Säulenordnungen (Dorisch, Ionisch, Korinthisch, Toskanisch,
Komposit) sind als optionales Merkmal
ordnung:, nicht als Subtyp-Hierarchie geführt. - Abgrenzung:
- Stütze (
stuetze): Oberbegriff. Jede Säule ist eine Stütze; nicht jede Stütze ist eine Säule (Architektur- Zusicherung und freistehender Charakter fehlen). - Ständer (
staender): Wand-Bauteilrolle. Keine Säule kann Ständer sein (Bedingung 6 vonstuetzeschließt Wand-Inzidenz aus, wird insaeulegeerbt). - Hängesäule (
haengesaeule): Zug-Element im Hängewerk; nicht freistehend, holz-spezifisch. Wortstamm-Verwandtschaft nur formal. - Stuhlsäule (
stuhlsaeule): Druck-Element im Dachstuhl; nicht freistehend, holz-spezifisch. Wortstamm-Verwandtschaft nur formal. - Pfeiler (
pfeiler, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): freistehendes Mauerwerks-/Stein-Vertikalbauteil. Trennung durch Werkstoff und Querschnitts-Form. - Pilaster (
pilaster, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): wand-angelagerte flache Säule; im Holzbau nicht relevant. - Kapitell (
kapitell, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): partitiver Bestandteil der Säule am Stützenkopf. - Basis (
basis, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): partitiver Bestandteil der Säule am Stützenfuß. - Schaft (
schaft, Forward-Verweis, kein eigener Eintrag): partitiver Bestandteil der Säule. - Bauteil (
bauteil): überstuetzemittelbarer Oberbegriff.
Implementierungshinweis¶
Datentyp (Domänen-Schicht, Kotlin, Schicht domain.bauteil):
package domain.bauteil
import domain.bauteil.Stuetze
/**
* Säule als architektonisch-klassischer Subtyp der Stütze: lotrechtes
* Stab-Bauteil mit Dreigliederung Basis-Schaft-Kapitell und ggf.
* Säulenordnung. Konstruktiv eine Stütze; ästhetisch eine
* architektonisch inszenierte Sonderform.
*
* Glossar: hg_saeule.md
*
* Architektur-Zusicherung (Basis-Schaft-Kapitell) wird im Glossar
* nicht formal überprüft. Säulenordnung ist optionales Merkmal.
*
* Im modernen Holzbau-Korpus nicht alleinstehend aktiv; primär als
* Wortstamm-Anker für stuhlsaeule und haengesaeule geführt.
*/
data class Saeule(
val stuetze: Stuetze,
val ordnung: Saeulenordnung = Saeulenordnung.UNGEORDNET,
)
enum class Saeulenordnung {
DORISCH,
IONISCH,
KORINTHISCH,
TOSKANISCH,
KOMPOSIT,
UNGEORDNET,
}
- Einheit: Längen in mm (Double); Winkel intern in Radiant.
- Identität:
BauteilIdaus dem zugrunde liegenden Bauteil (geerbt vonStuetze). - Invarianten (in der Factory
saeuleAusStuetze(...)prüfen): - Alle Stützen-Invarianten (Stab-Geometrie, Lotrechtheit, Vorzeichen, Querschnitts-Verhältnis, keine Wand-Inzidenz) sind erfüllt.
- Freistehender Charakter: keine Mitgliedschaft in einer Stuhl-, Hängewerk- oder Wand-Bauteilgruppe (Cross-Aggregat- Prüfung).
- Architektur-Zusicherung wird nicht formal geprüft.
- Edge Cases:
- Säule ohne Basis/Kapitell (moderne Schaft-Säule): zulässig; die Architektur-Zusicherung ist nicht formal überprüft.
- Polygonale Säule (achteckiger Schaft, statt rund): zulässig; Querschnitts-Form ist nicht eingeschränkt, solange q_max ≤ 4·q_min erfüllt ist (geerbt von Stütze).
- Kannelierte Säule (mit senkrechten Rillen am Schaft): zulässig; die Schaft-Oberflächengestaltung ist nicht konstitutiv für die Säulen-Bauteilrolle.
- Folgearbeit-Trigger:
hg_kapitell.md,hg_basis.md,hg_schaft.md: partitive Säulen-Bestandteile. Trigger: erste architektonische Modellierung mit Säulen-Detail (Tempelbau-Tool, Restaurierungs-Tool).hg_pfeiler.md: Mauerwerks-/Stein-Pfeiler als Geschwister- Bauteilrolle. Trigger: erste Mauerwerk-Modellierung.hg_pilaster.md: wand-angelagerte flache Säule. Trigger: erste klassische Innenarchitektur-Modellierung.- Tempelbau-/Restaurierungs-Tool: aktiviert die Architektur-Zusicherung und die Säulenordnungs-Klassifikation formal. Trigger: erste konkrete App-Phase, die Säulenordnungen modelliert.
Quellen¶
Primär (normativ):
- DIN 1045-1, „Tragwerke aus Beton, Stahlbeton und Spannbeton — Teil 1: Bemessung und Konstruktion", Beuth, Berlin.
Sekundär:
- Wikipedia, Lemmata „Säule", „Säulenordnung", „Kapitell", „Basis (Architektur)", „Schaft (Architektur)", „Entasis", „Pfeiler", „Pilaster" (abgerufen 2026-05-16).
- Vitruvius: De architectura libri decem. etwa 25 v. Chr.
- Recherche-Bericht:
docs/recherche/2026-05-16_tragglieder_vertikal.md§D.
Korpus (nicht autoritativ):
- architektur-lexikon.de „Säule" — konvergent.
- de.wikipedia.org „Liste von Fachbegriffen des Zimmererhandwerks" (Konflikt-Quelle, siehe Quellenkonflikt-Punkt 2).