Nebentragrichtung¶
Die Nebentragrichtung ist bei einer Holzplatte die schwächere Richtung quer zur Haupttragrichtung — die Richtung, in der die Platte weniger Last tragen kann und sich leichter durchbiegt.
Prosa-Definition¶
Die Nebentragrichtung eines Mehrlagenholzes ist ein Einheitsvektor im Welt-Koordinatensystem, der in der Plattenebene liegt, sowohl zur Plattendicken-Achse als auch zur Haupttragrichtung rechtwinklig steht und damit die zur Haupttragrichtung 90° komplementäre Plattenebenen-Richtung kennzeichnet, an der die geringere Plattensteifigkeit (E_90,mean nach DIN EN 1995-1-1 / ProHolz) und damit die bemessungsrelevante 90°-Richtung der Plattenfestigkeitswerte ausgerichtet ist.
Mathematische Definition¶
Sei
- e_hat_d ∈ S² die Plattendicken-Achse (siehe
plattendicken_achse), - h_hat ∈ S² die Haupttragrichtung (siehe
haupttragrichtung), mit ⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0.
Dann ist die Nebentragrichtung definiert als
nebentragrichtung:= n_hat:= e_hat_d × h_hat ∈ S².
Die Orthogonalitäts-Bedingung ⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0 sichert ‖n_hat‖ = 1 (siehe Wohldefiniertheit), so dass n_hat ∈ S² gilt.
Konstruktions-Invarianten:
(N1) Orthogonalität zur Plattendicken-Achse:
⟨n_hat, e_hat_d⟩ = 0 (mathematisch),
| ⟨n_hat, e_hat_d⟩ | ≤ Toleranzen.WINKEL_EPS (numerisch).
(N2) Orthogonalität zur Haupttragrichtung:
⟨n_hat, h_hat⟩ = 0 (mathematisch),
| ⟨n_hat, h_hat⟩ | ≤ Toleranzen.WINKEL_EPS (numerisch).
(N3) Algebraische Konsistenz:
n_hat = e_hat_d × h_hat (innerhalb NORM_EPS).
(N4) Norm-Invariante:
| ‖n_hat‖² − 1 | ≤ Toleranzen.NORM_EPS (geerbt).
Plattenkoordinatensystem: (h_hat, n_hat, e_hat_d) ist ein Rechtssystem-Tripel in W:
e_hat_d × h_hat = n_hat, h_hat × n_hat = e_hat_d, n_hat × e_hat_d = h_hat,
konsistent mit der Welt-Rechtssystem-Konvention (CLAUDE.md: z-Achse vertikal nach oben, Rechtssystem).
Wohldefiniertheit¶
- Existenz: Für jede Haupttragrichtung h_hat und Plattendicken- Achse e_hat_d mit ⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0 ist n_hat = e_hat_d × h_hat wohldefiniert; das Kreuzprodukt zweier orthogonaler Einheitsvektoren ist wieder ein Einheitsvektor.
- Eindeutigkeit: n_hat ist algebraisch durch das Kreuzprodukt bestimmt; das Vorzeichen folgt der Rechte-Hand-Regel und ist damit konsistent zum Welt-Rechtssystem.
- ‖n_hat‖ = 1 aus ⟨h_hat, e_hat_d⟩ = 0: Es gilt ‖e_hat_d × h_hat‖² = ‖e_hat_d‖² · ‖h_hat‖² − ⟨e_hat_d, h_hat⟩² = 1 · 1 − 0 = 1 (Lagrange-Identität), also ‖n_hat‖ = 1.
- Pflichtcharakter: Bei Werkstoff-Modus STRUKTURIERT ist
nebentragrichtungPflichtfeld am Werkstoff. Bei den anderen Modi nicht definiert. - Orthogonalitäts-Invarianten (N1, N2): n_hat ⊥ e_hat_d und n_hat ⊥ h_hat folgen direkt aus der Definition n_hat = e_hat_d × h_hat.
- Algebraische Konsistenz (N3): Wenn n_hat explizit am Werkstoff gespeichert wird, ist die Konsistenz mit e_hat_d × h_hat zu prüfen (innerhalb NORM_EPS); andernfalls Validierungsfehler.
- Plattenkoordinatensystem (Rechtssystem): (h_hat, n_hat, e_hat_d) bildet ein orthonormales Rechtssystem; Spatprodukt ⟨h_hat × n_hat, e_hat_d⟩ = 1.
- Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
einheitsvektor,plattendicken_achse,haupttragrichtung,toleranzen. Sie kommt nicht in ihrer eigenen Definition vor.
Erläuterung (nicht normativ)¶
ProHolz-Definition¶
ProHolz Austria definiert in „Brettsperrholz Bemessung Band I":
Nebentragrichtung (90°): Richtung rechtwinklig zur Haupttragrichtung in der Plattenebene.
Diese Definition wird im Glossar wörtlich übernommen und durch die mathematische Form n_hat = e_hat_d × h_hat präzisiert.
Bemessungs-Konsequenz¶
Die Plattenfestigkeitswerte sind in DIN EN 1995-1-1 / EN 14080 / EN 16351 für die beiden Hauptachsen tabelliert:
| Achse | Festigkeit | Richtung |
|---|---|---|
| Haupttragrichtung (0°) | f_m,0,k, E_0,mean | parallel zu h_hat |
| Nebentragrichtung (90°) | f_m,90,k, E_90,mean | parallel zu n_hat |
Bei symmetrischem CLT-Standardlayout (3, 5, 7 Lagen) ist die Steifigkeit in 90°-Richtung geringer als in 0°-Richtung, weil weniger Lagen die Last in 90°-Richtung tragen. Die Reduktion liegt typisch bei E_90,mean / E_0,mean ≈ 0,30…0,55 je nach Lagenanzahl (Schickhofer 2010, Tab. 3.4).
Redundanz und Speicherung¶
Die Nebentragrichtung ist mathematisch redundant (algebraisch durch Plattendicken-Achse und Haupttragrichtung bestimmt). Sie wird im Datenmodell trotzdem explizit gespeichert:
- API-Klarheit: Bemessungsfunktionen, die f_m,90 / E_90
benötigen, nehmen
Nebentragrichtungals typsicheren Parameter; das vermeidet wiederholte Kreuzproduktberechnungen. - Konsistenzprüfung: Speicherung als eigenes Feld erlaubt Plausibilitätsprüfung gegen Plattendicken-Achse und Haupttragrichtung zur Konstruktionszeit.
- UI-Visualisierung: 3D-Renderer kann die drei Plattenachsen (h_hat, n_hat, e_hat_d) direkt aus Werkstoff-Feldern darstellen.
Plattenkoordinatensystem¶
Die drei Achsen (h_hat, n_hat, e_hat_d) bilden ein lokales Plattenkoordinatensystem mit Rechtssystem-Orientierung. Dies ist konsistent mit:
- IFC
IfcMaterialLayerSet.LayerSetDirection = AXIS3für e_hat_d und der durch das Layer-Set induzierten 0°/90°-Konvention. - BTLx
Reference Side-System mit den drei lokalen Achsen. - cadwork Plattenkoordinatensystem.
Beziehungen¶
- Oberbegriff:
einheitsvektor. Strukturell ist die Nebentragrichtung ein Einheitsvektor; das Mehrlagenholz- Spezifikum ist die semantische Rolle „90°-Komplement zur Haupttragrichtung". - Verwendung:
- Mehrlagenholz (
mehrlagenholz): Pflichtfeld; sekundäres Plattenebene-Richtungsfeld. - Plattenfestigkeiten f_m,90, E_90: Bezugsachse der Bemessungswerte.
- Abgrenzung:
einheitsvektor(allgemein): trägt keine semantische Rolle.haupttragrichtung: 0°-Richtung der Plattenfestigkeiten; Nebentragrichtung ist das 90°-Komplement.plattendicken_achse: rechtwinklig zur Plattenebene; Nebentragrichtung liegt in der Plattenebene.plattenlaengsrichtung(OSB): bei OSB die einzige Plattenebene-Vorzugsrichtung; Nebentragrichtung ist nur bei Mehrlagenholz definiert. Disjunkt nach Werkstoff-Modus.faserrichtung: Faserrichtung im engeren Sinn ist die L-Richtung der Holzfaser einer einzelnen Holzlamelle. Die Nebentragrichtung ist eine makroskopische Plattenebenen- Bemessungsachse, kein Materialachsen-Vektor einer Lage.
Quellen¶
Primär (normativ):
- DIN EN 16351:2021-08, „Holzbauwerke – Brettsperrholz".
- DIN EN 1995-1-1:2010-12, „Eurocode 5", Abschnitt 9 und Anhang B.
- ProHolz Austria: Brettsperrholz Bemessung Band I. Wien 2014.
Sekundär:
- Schickhofer, G.; Bogensperger, T.; Moosbrugger, T. (Hrsg.): BSPhandbuch. 2. Aufl., TU Graz 2010.
- Blaß, H. J.; Flaig, M.: Stabförmige Bauteile aus Brettsperrholz. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2012.
- Niemz, P.; Sonderegger, W.: Physik des Holzes und der Holzwerkstoffe. Hanser, München 2017.
Korpus (nicht autoritativ):
- ETAs der CLT-Hersteller (KLH, Stora Enso, Hasslacher, Binderholz), abgerufen 2026-05-08.
- Wikipedia, Lemma „Brettsperrholz" (abgerufen 2026-05-08).