Hankinson-Winkel
Prosa-Definition¶
Der Hankinson-Winkel α ist die Operation, die einem Kraftvektor F im Welt-Koordinatensystem (mit ‖F‖ > 0) und einer Faserrichtung f_hat ∈ S² genau einen Winkel α ∈ [0°, 90°] als den Betrags-Winkel zwischen der Kraftrichtung und der Faserachse zuordnet, der als geometrische Eingangsgröße der Hankinson-Formel zur Bestimmung der charakteristischen Festigkeit f_α unter beliebigem Faserwinkel nach DIN EN 1995-1-1 (Gl. 6.16, 8.31, 8.32) und SIA 265 (Anhang A) dient.
Mathematische Definition¶
Sei
- F ∈ ℝ³ \ {0} ein Kraftvektor (siehe
vektor), - f_hat ∈ S² ⊂ ℝ³ ein Einheitsvektor in der Rolle Faserachse
(siehe
einheitsvektor,faserrichtung).
Dann ist der Hankinson-Winkel α definiert als die Funktion
α : (ℝ³ \ {0}) × S² → [0, π/2],
α(F, f_hat) := arccos( |⟨F, f_hat⟩| / ‖F‖ ).
Der Betrag |⟨F, f_hat⟩| sichert, dass α ∈ [0, π/2] und dass α
invariant unter Vorzeichenwechsel von f_hat ist (die Faserachse ist
physikalisch ungerichtet; siehe faserrichtung Wohldefiniertheit).
Spezialisierung mit normiertem Kraftvektor: Für F_hat := F / ‖F‖ ∈ S² vereinfacht sich die Formel zu
α(F_hat, f_hat) = arccos( |⟨F_hat, f_hat⟩| ).
Lagenweise Auswertung bei Mehrlagenholz: Sei B ein Bauteil mit
Werkstoff w ∈ 𝓜𝓛 (Mehrlagenholz, siehe mehrlagenholz) und
Lagenstruktur L = (ℓ₀, …, ℓ_{n−1}) (siehe lagenstruktur). Dann
ist der Hankinson-Winkel pro Lage
α_i(F) := α(F, ℓ_i.faserrichtung) für i ∈ {0, …, n−1},
ein Tupel von n Winkeln. Eine einzelne „Bauteil-α" gibt es bei Mehrlagenholz nicht.
Werkstoff-Modus-spezifische Bezugsachse:
| Modus | Bezugsachse für α |
|---|---|
| HART | f_hat = Werkstoff-Faserrichtung (siehe axiales_holz) |
| STRUKTURIERT | (f_hat_0, …, f_hat_{n−1}) = lagenweise Faserrichtungen (siehe lage) |
| SCHWACH | f_hat = Plattenlängsrichtung (siehe plattenlaengsrichtung) |
| KEINE | nicht definiert (kein α-Begriff in der Plattenebene) |
Hankinson-Formel (nicht definitorisch, nur Erläuterung; siehe unten): Die charakteristische Festigkeit unter Faserwinkel α ist
f_α = (f_0 · f_90) / (f_0 · sin²α + f_90 · cos²α),
mit f_0 = Festigkeit parallel zur Faser (α = 0), f_90 = Festigkeit rechtwinklig zur Faser (α = π/2). Die Formel ist abgeleiteter Satz der Bemessungs-Schicht; die Definition gehört in EN 1995-1-1 / SIA 265, nicht in dieses Glossar.
Wohldefiniertheit¶
- Existenz und Eindeutigkeit: Für F ∈ ℝ³ \ {0} und f_hat ∈ S² ist ⟨F, f_hat⟩ wohldefiniert; |⟨F, f_hat⟩| / ‖F‖ ∈ [0, 1] (Cauchy-Schwarz mit ‖f_hat‖ = 1); arccos: [0, 1] → [0, π/2] ist stetig und bijektiv. Damit ist α(F, f_hat) eindeutig in [0, π/2].
- Wertebereich [0, π/2]: Die Reduktion erfolgt durch den Betrag |⟨F, f_hat⟩|, der den Winkel zur ungerichteten Faserachse misst. EN 1995-1-1 und SIA 265 verwenden α ∈ [0°, 90°].
- Vorzeicheninvarianz von α gegen f_hat: α(F, f_hat) = α(F, −f_hat), weil
|⟨F, −f_hat⟩| = |⟨F, f_hat⟩|. Dies ist Voraussetzung für die
Wohldefiniertheit, weil die Faserrichtung physikalisch ungerichtet
ist (siehe
faserrichtung). - Vorzeicheninvarianz von α gegen F: α(F, f_hat) = α(−F, f_hat), weil |⟨−F, f_hat⟩| = |⟨F, f_hat⟩|. Damit ist α unabhängig von der Kraftrichtungs-Vorzeichenwahl (relevant für reine Beanspruchungsklassen Druck/Zug).
- Numerische Wohldefiniertheit: arccos auf [0, 1] ist gut
konditioniert. Für F_hat ∈ S² (normiert) wird |⟨F_hat, f_hat⟩| in [0, 1]
durch
coerceIn(0.0, 1.0)gegen Rundungsüberschreitung gesichert. - Edge Case ‖F‖ ≈ 0: nicht zulässig (Operation auf
ℝ³ \ {0}); Aufrufer muss ‖F‖ > 0 sicherstellen
(
Entartet.HankinsonWinkelKraftIstNullvektor). - Norm-Invariante: f_hat erbt | ‖f_hat‖² − 1 | ≤ NORM_EPS aus
einheitsvektor; die Wohldefiniertheit von α ist auf die Norm-Invariante angewiesen (sonst |⟨F, f_hat⟩| / ‖F‖ ∉ [0, 1]). - Lagenweise Wohldefiniertheit: α_i ist für jede Lage ℓ_i
separat wohldefiniert, weil ℓ_i.faserrichtung ∈ S² (Lagen-
Invariante, siehe
lage). - Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich auf
vektor,einheitsvektor,faserrichtung,lage,lagenstruktur,toleranzen. Sie kommt nicht in ihrer eigenen Definition vor.
Erläuterung (nicht normativ)¶
Hankinson-Formel¶
Die Hankinson-Formel (Hankinson 1921) interpoliert die charakteristische Festigkeit von Holz unter beliebigem Faserwinkel α zwischen den beiden Grenzwerten:
f_α = (f_0 · f_90) / (f_0 · sin²α + f_90 · cos²α)
mit f_0 = Festigkeit parallel zur Faser (α = 0°), f_90 = Festigkeit rechtwinklig zur Faser (α = 90°).
| α | sin²α | cos²α | f_α |
|---|---|---|---|
| 0° | 0 | 1 | f_0 |
| 30° | 0,25 | 0,75 | f_0·f_90 / (0,25 f_0 + 0,75 f_90) |
| 45° | 0,5 | 0,5 | 2 · f_0 · f_90 / (f_0 + f_90) |
| 60° | 0,75 | 0,25 | f_0·f_90 / (0,75 f_0 + 0,25 f_90) |
| 90° | 1 | 0 | f_90 |
Für Fichte-Vollholz C24: f_c,0,k ≈ 21 N/mm², f_c,90,k ≈ 2,5 N/mm²; f_c,45 ≈ 4,5 N/mm² (Faktor 5 zur Faser-parallelen Festigkeit).
Anwendung in EC5¶
| EC5-Stelle | Bemessungssituation |
|---|---|
| Gl. 6.16 | Druck schräg zur Faser σ_c,α,d |
| Gl. 8.31 | Lochleibungsfestigkeit f_h,α,k bei Bolzen, Stabdübel (D ≤ 30 mm) |
| Gl. 8.32 | Lochleibungsfestigkeit Sonderfall (Nadelholz mit D > 8 mm) |
Bei Schraubenverbindungen mit Vollgewindeschrauben (DIN EN 14592) geht α ebenfalls in die Lochleibungs- und Ausziehfestigkeiten ein.
Lagenweise Auswertung bei Mehrlagenholz (Blaß/Flaig 2012)¶
Bei Brettsperrholz ist die Hankinson-Formel auf Bauteilebene nicht direkt anwendbar, weil die Faserrichtung pro Lage variiert. Blass/Flaig 2012 (KIT, DOI 10.5445/KSP/1000030362) zeigen, dass für stabförmige BSP-Bauteile die Bemessung pro Lage erfolgen muss:
- Für jede Lage ℓ_i den Winkel α_i = α(F, ℓ_i.faserrichtung) berechnen.
- Lagenweise Festigkeit f_α_i mit Hankinson auswerten.
- Lagenbeitrag mit Lagenfläche und Lagensteifigkeit gewichten (γ-Verfahren EN 1995-1-1 Anhang B oder Schickhofer-Methodik).
Konsequenz für die App: Die Schnittwinkel-Visualisierung muss bei Mehrlagenholz alle Lagen mit ihren α_i darstellen, nicht ein einzelnes α auf Bauteilebene.
Anwendung bei OSB (Modus SCHWACH)¶
Bei OSB ist die Faserrichtung im strengen Sinn nicht definiert; die
Bezugsachse für α ist die plattenlaengsrichtung. EC5 / EN 12369-1
führt für OSB diskrete f_m,0 (parallel) und f_m,90 (rechtwinklig);
die Hankinson-Interpolation ist abgeschwächt zulässig (großes
Streumaß durch Strand-Streuung).
Modus KEINE: kein Hankinson-Winkel¶
Bei Spanplatte, MDF, HDF, harten Faserplatten ist die Festigkeit in der Plattenebene richtungsunabhängig (DIN EN 12369-1: eine einzige Festigkeit pro Beanspruchungsart). Der Hankinson-Winkel ist hier nicht definiert; α-Anfragen liefern „nicht zutreffend".
Beziehungen¶
- Oberbegriff: keiner. Hankinson-Winkel ist eine Operation (Funktion).
- Eingaben:
Vektor(Kraftvektor F ∈ ℝ³ \ {0}).Einheitsvektor(Faserachse f_hat ∈ S²) bzw.Faserrichtung.- Bei Mehrlagenholz:
Lagenstrukturzur lagenweisen Auswertung. - Ausgabe:
- Bei
axiales_holzundgerichteter_plattenwerkstoff: skalarer Winkel α ∈ [0, π/2] (Radiant; Anzeige in Grad). - Bei
mehrlagenholz: Tupel (α_0, …, α_{n−1}) ∈ [0, π/2]^n. - Bei
isotroper_plattenwerkstoff: nicht zutreffend. - Verwendung:
- Hankinson-Formel f_α (Bemessungs-Schicht): Eingangsgröße.
- Schnittwinkel-Visualisierung (Kernfunktion der App): Anzeige des Faserwinkels bei einem Schnitt.
- Lochleibungsfestigkeit f_h,α,k (EN 1995-1-1 Gl. 8.31, 8.32): bei stiftförmigen Verbindungsmitteln.
- Abgrenzung:
faserrichtung: Einheitsvektor in der Rolle „Material- hauptachse"; Eingabe der α-Operation, nicht synonym dazu.faserneigung(DIN 4074-1): Tangens des Winkels zwischen Faser und Bauteillängsachse; Sortier-Merkmal für die Festigkeitsklassen-Zuordnung. Hankinson-Winkel ist Winkel zwischen Kraft und Faser, Faserneigung ist Winkel zwischen Faser und Bauteilachse — beides Winkel, aber an unterschiedlichen Geometrieobjekten.plattenlaengsrichtung: bei OSB (Modus SCHWACH) Bezugsachse für α statt Faserrichtung.haupttragrichtung: bei Mehrlagenholz nicht Bezugsachse für α (das wäre eine Mittelung); pro Lage wird ℓ_i.faserrichtung verwendet.
Implementierungshinweis¶
Datentyp (Domänen-Schicht, Kotlin, Package
zimmermann.domain.geometrie):
package zimmermann.domain.geometrie
import zimmermann.domain.Resultat
import kotlin.math.abs
import kotlin.math.acos
/**
* Hankinson-Winkel α zwischen Kraftrichtung und Faserachse.
* Glossar: hg_hankinson_winkel.md
*
* Wertebereich: [0, π/2] Radiant. Vorzeicheninvariant gegen
* F und n_hat (Faserachse ungerichtet, Kraftrichtungs-Vorzeichen
* irrelevant für Faserwinkel).
*/
public object HankinsonWinkel {
/** Vektor-Variante: F kann Nullvektor / nicht-finit sein. */
public fun von(
kraft: Vektor,
faserrichtung: Einheitsvektor,
): Resultat<Double, EntartetGeometrie> {
if (!kraft.istFinit()) return Resultat.Fehler(EntartetGeometrie.NichtFinit)
if (kraft.istNullvektor()) return Resultat.Fehler(EntartetGeometrie.Nullrichtung)
val cosAbs = (abs(faserrichtung dot kraft) / kraft.norm).coerceIn(0.0, 1.0)
return Resultat.Erfolg(acos(cosAbs))
}
/** Einheitsvektor-Variante: strukturell nicht fehlschlagbar. */
public fun von(
kraftrichtung: Einheitsvektor,
faserrichtung: Einheitsvektor,
): Double = acos(abs(kraftrichtung dot faserrichtung).coerceIn(0.0, 1.0))
}
- Einheit: α intern in Radiant (Double). Anzeige in Grad (CLAUDE.md-Konvention).
- Wertebereich: [0, π/2] = [0°, 90°].
- Methodenname:
von(...)(deutsch, „Hankinson-Winkel von F und n_hat") gemäßproject_kotlin_konventionen.md(deutsche Bezeichner für Glossarbegriffe). - Toleranzen: arccos-Argument auf [0, 1] geklemmt
(
coerceIn); Eingaben müssenEinheitsvektor-Norm-Invariante erfüllen (NORM_EPS-Toleranz geerbt). - Identität: keine; reine Funktion /
object. - Fehlerbehandlung: kein
throwfür entartete Eingaben (CLAUDE.md,project_kotlin_konventionen.md). StattdessenResultat<Double, EntartetGeometrie>mit den vorhandenen Varianten: - ‖F‖² ≤ NORM_EPS:
Resultat.Fehler(EntartetGeometrie.Nullrichtung). - F enthält NaN / ±∞:
Resultat.Fehler(EntartetGeometrie.NichtFinit). - Die Einheitsvektor-Variante kann strukturell nicht fehlschlagen
(Norm-Invariante per Typ;
coerceInfängt Float-Rundung). - Edge Cases:
- Faserrichtung antiparallel zur Kraft: α = 0 (nicht π); der Betrag im Skalarprodukt sichert dies.
- Faserrichtung rechtwinklig zur Kraft: α = π/2.
- Werkstoff Modus KEINE: α nicht zutreffend; Aufrufer muss Modus prüfen, bevor er α anfragt. Eine eigene Klassifikations- schicht (Werkstoff-Modus → α-Verfügbarkeit) ist Folgearbeit.
- Folgearbeit (YAGNI-ausgelagert):
alphaProLage(...)für Mehrlagenholz (Blass/Flaig 2012): sobaldLagenstrukturmodelliert ist, einen Iterator über die Lagen anbieten, dervon(F, ℓ_i.faserrichtung)je Lage aufruft. Trigger: erstmaliges Anlegen vondomain/holzbau/.- Hankinson-Formel
f_α = f_0·f_90 / (f_0·sin²α + f_90·cos²α): Bemessungs-Schicht (DIN EN 1995-1-1, SIA 265). Trigger: erstmalige Bemessungs-Tools. - OSB-Bezugsachse auf
plattenlaengsrichtungumstellen: sobald Plattenwerkstoff-Werkstoffklasse modelliert ist, Faktor auswerkstoff.faserrichtungsModusableiten. - Verwendungsregel: Bemessungsfunktionen (f_α, f_h,α,k) in der
späteren Bemessungs-Schicht nehmen
HankinsonWinkel.von(...)als Eingangsgröße. Die Geometrie-Schicht stellt α; die Bemessungs-Schicht setzt es in EC5-Formeln ein.
Quellen¶
Primär (normativ und originär):
- Hankinson, R. L.: „Investigation of Crushing Strength of Spruce at Varying Angles of Grain". Air Service Information Circular Vol. III, No. 259, U.S. Air Service, 1921.
- DIN EN 1995-1-1:2010-12, „Eurocode 5: Bemessung und Konstruktion von Holzbauten – Teil 1-1", Gleichungen 6.16, 8.31, 8.32.
- SIA 265:2021, „Holzbau", Anhang A.
Sekundär:
- Blass, H. J.; Sandhaas, C.: Ingenieurholzbau – Grundlagen der Bemessung. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2016.
- Blaß, H. J.; Flaig, M.: Stabförmige Bauteile aus Brettsperrholz. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2012, DOI 10.5445/KSP/1000030362.
- Forest Products Laboratory: Wood Handbook FPL-GTR-282. USDA, Madison WI 2021.
- Niemz, P.; Sonderegger, W.: Physik des Holzes und der Holzwerkstoffe. Hanser, München 2017.
- Mönck, W.; Rug, W.: Holzbau – Bemessung und Konstruktion.
- Aufl., Beuth, Berlin 2015.
Korpus (nicht autoritativ):
- Wikipedia, Lemma „Hankinson's equation" (abgerufen 2026-05-08).