Weltkoordinatensystem¶
Das Weltkoordinatensystem ist das eine grosse, für das ganze Bauwerk gemeinsame Bezugsraster mit festem Nullpunkt und festen Richtungen (Ost, Nord, oben), an dem sich jedes einzelne Bauteil ausrichtet — damit alle vom Gleichen reden.
Prosa-Definition¶
Das Weltkoordinatensystem der App ist das eindeutige, global gültige rechtshändige kartesische Bezugssystem (O, e_x, e_y, e_z) im dreidimensionalen affinen Raum, dessen Ursprung O eine projektweit fest gewählte Stelle in der Nähe des Bauwerks bezeichnet, dessen x-Achse nach geographisch Ost, dessen y-Achse nach geographisch Nord und dessen z-Achse vertikal nach oben gerichtet ist, mit Längen in Millimeter und ebenen Winkeln um e_z intern in Radiant ab +x gegen den Uhrzeigersinn gemessen.
Mathematische Definition¶
Sei
- 𝔸³ der dreidimensionale reelle affine Raum,
- O ∈ 𝔸³ ein projektweit fest gewählter Ursprung,
- (e_x, e_y, e_z) eine Basis von ℝ³ mit den Eigenschaften
‖e_x‖ = ‖e_y‖ = ‖e_z‖ = 1, (Einheitsvektoren) ⟨e_x, e_y⟩ = ⟨e_y, e_z⟩ = ⟨e_z, e_x⟩ = 0, (paarweise orthogonal) e_x × e_y = e_z. (Rechtssystem)
Dann ist das Weltkoordinatensystem das Tupel
W:= (O, e_x, e_y, e_z, η, ω),
wobei
-
η: 𝔸³ → ℝ³ die Koordinatenabbildung
η(p) = (x, y, z) ⇔ p = O + x·e_x + y·e_y + z·e_z,ist; die Komponenten x, y, z sind in Millimeter zu interpretieren,
-
ω: ℝ³ × ℝ³ → ℝ die Winkelmessung um e_z im mathematischen Sinn,
ω(u, v):= atan2(⟨e_z, u_hat × v_hat⟩, ⟨u_hat, v_hat⟩) ∈ (−π, π],mit u_hat = u/‖u‖, v_hat = v/‖v‖, definiert für u, v ∉ Null der Toleranz
Toleranzen.NORM_EPS. ω misst den orientierten Winkel von u nach v gegen den Uhrzeigersinn um e_z, in Radiant.
Die geographische Einbettung wird durch die zusätzliche Festlegung
e_x ≙ Ost, e_y ≙ Nord, e_z ≙ Zenit (Vertikale nach oben)
am Modellierungsort hergestellt. „Lokales Ost", „Lokales Nord" und
„Lokale Vertikale" beziehen sich dabei auf eine ebene
(planare) Approximation der Erdoberfläche in der Umgebung von O,
deren Genauigkeit für Bauwerksabmessungen ≤ 10⁴ mm konservativ
besser als Toleranzen.LAENGE_EPS ist (Krümmungsfehler ≤ 10⁻⁵ mm
auf 10 m Bauwerksspanne).
Anzeige-Konvention: Azimut¶
Aus W ist eine zweite Winkelkonvention ableitbar, die ausschließlich für Eingabe und Anzeige verwendet wird:
ψ: (Vektor \ vertikal) → [0, 2π),
ψ(v):= atan2(⟨v, e_x⟩, ⟨v, e_y⟩) mod 2π (Azimut)
mit ψ = 0 bei Nord, ψ = π/2 bei Ost, ψ = π bei Süd, ψ = 3π/2 bei West (Kompass-Konvention, im Uhrzeigersinn). Der Zusammenhang zum mathematischen Winkel φ um e_z ist
ψ = (π/2 − φ) mod 2π, φ = (π/2 − ψ) mod 2π.
ψ ist kein eigenständiges Koordinatensystem, sondern eine
Anzeige-Transformation; im Code wird intern ausnahmslos mit ω und φ
gerechnet. Das Azimut ψ erscheint nur an Ein- und Ausgaberändern
(z. B. dachseite.orientierung()).
Wohldefiniertheit¶
- Existenz: ℝ³ mit der kanonischen Orthonormalbasis und einem beliebigen, projektweit gewählten Ursprung O erfüllt alle drei Basisbedingungen; die Existenz von W ist trivial.
- Eindeutigkeit: W ist als App-Konvention fest. Insbesondere ist es nicht erlaubt, im laufenden Betrieb des Modells den Ursprung oder die Achsen umzudefinieren; jede Umdefinition ist eine neue Welt und erfordert einen vollständigen Modellexport/-import.
- Unabhängigkeit der Operationen von Wahl der Komponenten: η ist bei festgelegter Basis eine Bijektion 𝔸³ ↔ ℝ³; alle abgeleiteten Operationen (Differenz, Norm, Skalarprodukt, Kreuzprodukt) sind unter dieser Bijektion wohldefiniert.
- Konsistenz mit
punktundvektor: Beide Einträge nehmen bereits explizit Bezug auf das in CLAUDE.md festgelegte Welt-Koordinatensystem; der vorliegende Eintrag fixiert das dort vorausgesetzte System normativ und löst die bislang implizite Achsenzuordnung Ost/Nord auf. - Konsistenz mit
dachseite: Der Eintraghg_dachseite.mdverwendet die Konvention e_x = Ost, e_y = Nord, e_z = oben bereits operativ; mit dem vorliegenden Eintrag ist diese Voraussetzung normativ gedeckt. - Numerische Stabilität bei großen Koordinaten: Bei
Bauwerksabmessungen ≤ 10⁴ mm und einem in Bauwerksnähe gewählten
Ursprung liegt der absolute Rundungsfehler einer Koordinate in
IEEE 754 binary64 weit unterhalb
Toleranzen.LAENGE_EPS. Bei Bezug auf entfernte Welt-Ursprünge (z. B. unmittelbare Verwendung von LV95-Koordinaten mit Werten der Größenordnung 10⁹ mm) wächst der absolute Rundungsfehler proportional und kannToleranzen.LAENGE_EPSüberschreiten. Daraus folgt die Welt-zu-Lokal-Trennung dieses Eintrags. - Nicht-Zirkularität: Die Definition stützt sich nur auf
reelle Zahlen, den affinen Raum, die Primitive Punkt, Vektor,
Einheitsvektor und auf
Toleranzen. W kommt nicht in seiner eigenen Definition vor.
Anwendung in der Schweiz: Bezug zu LV95¶
Das Schweizer Landeskoordinatensystem CH1903+/LV95 (EPSG:2056, swisstopo) ist das amtliche projizierte 2D-Bezugssystem der Schweiz mit zwei kartesischen Komponenten
- E (Easting): Ostkoordinate in Metern, Projektionsursprung so gewählt, dass E ≈ 2 600 000 m bei Bern liegt;
- N (Northing): Nordkoordinate in Metern, N ≈ 1 200 000 m bei Bern.
Die Höhe wird als getrennte 1D-Komponente in den Höhenrahmen LN02 (klassisch) oder LHN95 (modern, gravimetrisch) in Metern geführt.
Zuordnung W ↔ LV95:
e_x ≙ E-Richtung (Ost),
e_y ≙ N-Richtung (Nord),
e_z ≙ Höhe (Vertikal),
1 m ≙ 10³ mm.
Welt-zu-Lokal-Trennung: LV95-Koordinaten mit Werten der Größenordnung 10⁹ mm überschreiten den numerisch günstigen Bereich für Bauteilkoordinaten (CLAUDE.md, Konvention ≤ 10⁴ mm). Daraus folgt die normative Trennung zwischen
-
Welt-Koordinatensystem W (dieser Eintrag): rechtshändiges kartesisches System in mm mit Ursprung in Bauwerksnähe. Alle Bauteilgeometrien werden in W modelliert.
-
Geo-Bezugssystem (Folge-Eintrag
lv95.md, noch nicht angelegt): das Schweizer Landeskoordinatensystem in Metern. Wird nicht in der Domänen-Schicht verwendet, sondern nur am Importrand zur Lagebezugnahme des Welt-Ursprungs. -
Lokales Bauteilkoordinatensystem (Folge-Eintrag
hg_lokales_koordinatensystem.md, noch nicht angelegt): bauteileigenes kartesisches System (z. B. Sparrenachse als Längsachse), das durch eine starre Transformation (Translation + Rotation) auf W abgebildet wird.
Die Verbindung zwischen W und LV95 wird durch eine starre Transformation T_{W→LV95}: 𝔸³_W → 𝔸³_LV95 hergestellt, bestehend aus
- einer Translation um den Welt-Ursprung O, in LV95 angegeben durch ein Tripel (E_O, N_O, H_O) ∈ ℝ³ in Metern,
- einer optionalen Drehung um e_z um einen Winkel γ ∈ [0, 2π), die ausgleicht, falls die Bauwerks-Hauptachse nicht Nord-Süd/Ost-West orientiert wurde,
- der Skalierung 1 m = 10³ mm.
Diese Transformation gehört nicht in W selbst, sondern in einen eigenen Geo-Anker; sie wird hier nur erwähnt, um die Schichten sauber zu trennen.
Erläuterung (nicht normativ)¶
Das Welt-Koordinatensystem ist die stillschweigende Voraussetzung aller bisherigen Glossareinträge. CLAUDE.md hatte sie auf zwei Sätze („Rechtssystem, z-Achse vertikal nach oben") reduziert; mit dem vorliegenden Eintrag wird sie auf ein Niveau gehoben, das die Achsen-Zuordnung zu Himmelsrichtungen, die Winkelkonvention und die Beziehung zum Schweizer Vermessungswesen abdeckt.
Der zentrale praktische Nutzen ist die Disambiguierung von Winkeln. In der Mathematik dreht ein positiver Winkel um e_z gegen den Uhrzeigersinn (von +x nach +y); in der Geodäsie dreht ein positives Azimut von Nord aus im Uhrzeigersinn (also im mathematischen Sinn negativ). Beide Konventionen treten in der App auf: die mathematische intern (alle Geometrierechnungen, alle Trigonometrie auf Vektoren), die geodätische am API-Rand (Anzeige, Bauplanaufschrift, Eingabe einer Dachausrichtung als „Süd", „Süd- Süd-West"). Die Trennung „intern Mathematik, extern Azimut" hält beide Welten kollisionsfrei.
Praktisch bedeutet das: Ein in der App eingegebenes Azimut von 180° (Süd) wird sofort zu einem mathematischen Winkel φ = (π/2 − π) mod 2π = 3π/2 = 270° konvertiert, der dann in sämtlichen Rechnungen verwendet wird. Eine Vermischung beider Größen führt zu Fehlern, die meist erst bei der dritten oder vierten Verschneidung sichtbar werden — daher die strenge Schichtentrennung.
Beziehungen¶
- Oberbegriff: keiner. Das Weltkoordinatensystem ist eine
Modellierungs- und Darstellungs-Konvention, kein geometrisches
Objekt im Modell. Ein abstrakter Oberbegriff
koordinatensystemwürde erst sinnvoll, wenn Geschwister-Begriffelokales_koordinatensystemundlv95separat definiert werden und ein gemeinsames Vokabular benötigen; bis dahin wird die Abgrenzung inline geführt. - Verwandte Begriffe:
- Lokales Koordinatensystem: bauteileigenes oder
konstruktionsteilbezogenes kartesisches System, das durch eine
starre Transformation auf W abgebildet wird; eigener Eintrag
hg_lokales_koordinatensystem.mdin Folgearbeit. - Bauteilachse: Längsachse eines Bauteils (z. B. Sparrenachse), häufige Wahl der x- oder z-Achse eines lokalen Systems.
- Abgrenzung:
- Lokales Koordinatensystem (Folge-Eintrag): nur lokal an einem Bauteil oder Konstruktionsteil gültig, durch starre Transformation auf W bezogen. W ist global, lokal Systeme sind es nicht.
- Bauteilachse (Folge-Eintrag): eine ausgezeichnete Achse eines Bauteils, nicht ein vollständiges Koordinatensystem. Eine Bauteilachse kann eine Achse eines lokalen Systems sein, ist aber kein Synonym dafür.
- LV95 (CH1903+) (Folge-Eintrag
lv95.md): amtliches Schweizer Landeskoordinatensystem in Metern, projiziert. LV95 wird in der Domänen-Schicht nicht als Welt-System verwendet, sondern nur als externer Bezug am Importrand. - WGS84 (Folge-Eintrag
wgs84.md): geographisches ellipsoidisches Bezugssystem; nicht kartesisch und nicht projiziert. Wird in der App nur über GPS/GNSS-Importschnitt- stellen berührt und nicht intern verwendet. - Maßtoleranz, Numerik-Toleranz: andere Begriffsdomäne, keine Konkurrenz zu W.
Quellen¶
Primär (normativ):
- ISO 19111:2019, „Geographic information — Referencing by coordinates".
- DIN ISO 80000-2:2022-08, „Größen und Einheiten – Teil 2: Mathematik".
- DIN EN ISO 80000-3:2020-12, „Größen und Einheiten – Teil 3: Raum und Zeit".
- swisstopo (Bundesamt für Landestopografie): „Bezugsrahmen LV95 / Koordinaten in der amtlichen Vermessung", technische Spezifikation EPSG:2056 (CH1903+/LV95) inkl. Höhenrahmen LN02 und LHN95.
- EN ISO 5459:2011, „Geometrische Produktspezifikation (GPS) – Bezüge und Bezugssysteme".
Sekundär:
- OGC 18-005r4 (2019), „Geographic information — Well-known text representation of coordinate reference systems".
- Hofmann-Wellenhof, B.; Lichtenegger, H.; Wasle, E.: GNSS — Global Navigation Satellite Systems. Springer 2008.
- Snyder, J. P.: Map Projections — A Working Manual. USGS Professional Paper 1395, Washington 1987.
- Bronstein, I. N. et al.: Taschenbuch der Mathematik, Kap. 3.5 „Analytische Geometrie des Raumes".
- Lignum (Hrsg.): Lignatec — Bauplanungs-Hinweise zur Lagebezugnahme von Holzbauten.
Nur in der Abgrenzung referenziert (nicht als Definitionsquelle):
- WGS84 (NGA Standardization Document NGA.STND.0036_1.0.0_WGS84, 2014): geographisches ellipsoidisches Bezugssystem; in dieser App nur über GPS-Importrand berührt.
Korpus (nicht autoritativ):
- Wikipedia, Lemmata „Koordinatensystem", „Schweizer Landeskoordinaten", „LV95", „CH1903+" (abgerufen 2026-05-08).